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Kapitel 1

Die Mondperlen waren eiskalt unter meinen Fingern, als ich die komplizierte Rune nachzeichnete, die in ihre Oberfläche graviert war - ein Design, das mir von Rechts wegen hätte gehören sollen.

„Sie ist die Einzige, die ich je geliebt habe“, drang Garretts Stimme durch das geöffnete Fenster seines Arbeitszimmers. „Hannah war nur... praktisch.“

Fünf Jahre. Der Gedanke brannte sich wie ein glühendes Eisen in mein Bewusstsein. Fünf Jahre lang hatte ich seinen Lügen geglaubt.

„Die Ehe war eine Zweckehe“, fuhr er gegenüber der Person im Schatten fort. „Ein Schutz für Odette, während sie ihren Auftrag ausführte.“

Meine Knie versagten. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die kühle Steinwand. Das konnte nicht wahr sein.

„Luna Hannah hat keinen Verdacht“, sagte Garrett, und sein Lachen schnitt mich mitten durch. „Sie ist zu gutgläubig, zu naiv.“

Die Mondperlen entglitten meinen zitternden Händen und klapperten auf den Boden. Jede Gravur war ein Hohn - diese komplizierten Muster, an denen ich monatelang gefeilt hatte, trugen nun den Namen einer anderen.

Odette.

„Wann sagst du ihr die Wahrheit?“ Die andere Stimme war weich, weiblich.

„Nie, wenn es nach mir geht. Hannah erfüllt ihren Zweck.“

Zweck. Das Wort schmeckte nach Asche. Nicht Ehefrau. Nicht Gefährtin. Zweck.

Ich sammelte die verstreuten Perlen, meine Hände blieben ruhig, während in meiner Brust ein Sturm tobte. Der Rudelbund summte vom üblichen abendlichen Geplauder - Wölfe tauschten sich über ihren Tag aus, über Freuden und belanglose Sorgen.

Keiner ahnte, dass ihre Luna innerlich starb.

„Ich sollte zu ihr zurück“, sagte Garrett. „Den Schein wahren.“

Seine Schritte näherten sich der Tür. Ich verschmolz mit den Schatten des Korridors. Die Erfahrung, mich jahrelang lautlos durch diese Hallen zu bewegen, kam mir nun zugute.

Ich werde nicht weinen. Das Gelübde formte sich in meinem Geist wie Eisen. Ich werde ihm diese Genugtuung nicht geben.

Als er eine Stunde später unsere Gemächer betrat, saß ich an meiner Staffelei und arbeitete an einem neuen Runenentwurf. Meine Hände bewegten sich mit geübter Präzision, jede Linie war bedacht und kontrolliert.

„Wieder so spät am Werk?“ Seine Stimme hatte jene vertraute Wärme, die sich jetzt wie Honig aus Galle anfühlte.

„Die Muse hat mich geküsst.“ Ich blickte nicht von meiner Arbeit auf. Er sollte ruhig denken, dass alles beim Alten war.

Er trat hinter mich, seine bloße Anwesenheit war eine Last, die ich einst ersehnt hatte. „Du bist wunderbar, Hannah. Dein Talent hört nie auf, mich zu verblüffen.“

Lügner. Das Wort schrie in meinem Kopf, aber meine Stimme blieb fest. „Danke.“

„Ich liebe dich.“ Die Worte, die einst mein Herz mit Licht gefüllt hatten, trafen mich jetzt wie vergiftete Pfeile.

Nein, das tust du nicht. Ich drehte mich endlich zu ihm um und zwang meinen Lippen ein Lächeln ab. „Ich liebe dich auch.“

Sein Kuss schmeckte nach Verrat, aber ich ertrug ihn. Ich plante währenddessen.

Als er neben mir einschlief, starrte ich an die Decke und traf meine Entscheidung. Der Rudelbund würde eine Luna verlieren. Garrett würde seine praktische Ehefrau verlieren.

Aber ich würde endlich frei sein.

Ein Zauberspruch, dachte ich, als sein Atem tiefer wurde. Ein Zauberspruch, und Hannah die Dumme stirbt für immer.

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