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4. Kapitel, Bonnie

Bei mir Zuhause angekommen, kletterte ich über den Gartenzaun und schlich geduckt zu meinem

Fenster.

Dort stand ich vor einem erneuten Problem.

Meine Fingerspitzen kamen nicht einmal bis zu dem Fensterbrett und eine Leiter gab es keine.

Höchst wahrscheinlich wäre dies auch zu laut gewesen.

An den Haustürschlüssel hatte ich schon gar nicht gedacht.

Und jetzt?

Entweder ich verbrachte die Nacht vor meinem Fenster, oder ich musste klingeln.

Und dies würde mir den Hausarrest meines Lebens einbringen.

„Scheiße.“, schimpfte ich leise und presste mir die Handballen auf meine Augen.

Ich war Aufgeflogen aus eigener Dummheit.

Somit konnte ich das Date wohl vergessen.

War es überhaupt eines?

Egal, jetzt hatte erst einmal etwas anderes Priorität.

Ich startete den Versuch wie ein verzweifeltes Kaninchen zu springen, doch es brachte nichts, außer

meine Lungenflügel zum Glühen.

Mist. Ich war sprichwörtlich im Arsch und konnte schon die Schimpftirade meiner Mutter hören.

„Kann es sein, dass ein Vögelchen aus seinem Nest gefallen ist?“

Ich drehte mich erschrocken um.

Der Typ, welcher mich überhaupt auf die Idee brachte, aus dem Fenster zu springen, war an der

anderen Seite des Gartenzaunes aufgetaucht.

Ein belustigtes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Wie sieht`s aus, lässt du das Vögelchen von der Katze zum Frühstück verspeisen, oder hilfst du

mir?“

Er lachte leise, als ich auf seinen kleinen Spaß einstieg.

„Na dann, wollen wir das Vögelchen zurück in den Käfig sperren.“

„Du hast ja keine Ahnung, wie Recht du hast.“, murmelte ich leise.

Er kletterte über den Zaun und stellte sich unter mein Fenster.

Dann faltete er die Hände zu einer Räuberleiter zusammen und als ich hinaufstieg, hob er mich ein

wenig in die Höhe.

So konnte ich problemlos die Fensterbank erreichen.

„Dankeschön.“, flüsterte ich zu ihm hinunter und konnte sein leises Lachen hören.

„Immer wieder gern, Vögelchen.“

Dann ging er schnell wieder auf sein Grundstück und zog sich an seinem Fensterbrett hoch.

Als er sich zu mir umdrehte, winkte er mir noch einmal kurz zu und ich tat es ihm gleich.

Beinahe zeitgleich schlossen wir unsere Fenster und zogen die Vorhänge zu.

Erledigt legte ich mich sofort auf mein Bett und ließ das soeben erlebte noch einmal Revue

passieren.

Grinsend schob ich den Ärmel meines Hoodies hoch und tippte die Adresse in das Suchgerät ein.

Sofort erschienen Bilder eines Bahnhofes und erleichtert über einen öffentlichen Ort, jedoch auch

umso Neugieriger aufgrund seiner Wahl, ließ ich mich lächelnd in die weichen Kissen sinken.

Eines stand fest: Soviel gelebt wie diese Nacht, hatte ich mein ganzes Leben nicht.

Und ich wollte mehr davon.

Der nächste Tag startete vielversprechend.

Ich stieg unter die Dusche, putzte mir meine Zähne und schluckte meine Smarties.

Gut gelaunt versuchte ich mich an ein Rezept für Pancakes aus dem Internet und stand kurze Zeit

später am Herd, einen fertig ausgebackenen in der Hand, einen in der Pfanne und einen Stapel auf

der Anrichte.

„Was ist denn hier los?“

Mum betrat in ihrem hellrosanen Morgenmantel die Küche.

Ihre Füße steckten in warmen, rosa Hauspuschen und ihre schwarze Morgenmaske hielt ihr ihre

hellbraunen Haare aus dem Gesicht.

Erstaunt musterte sie erst mich, und dann den Stapel Pancakes.

Und dann wieder mich.

„Guten Morgen, Mum.“, flötete ich beinahe singend und deutete auf den gedeckten Tisch.

„Hast du Hunger?“

„Kommt ganz darauf an, was du ausgefressen hast.“

Skeptisch wanderte eine ihrer Augenbrauen nach oben, während sie ihren Blick durch die Küche

schweifen ließ.

„Gar nichts. Ich wollte nur Pancakes essen und dachte mir, ich Frühstücke mit meiner Mutter.“

Sie seufzte und setzte sich an den Tisch, womit sie sich geschlagen gab.

„Na dann, lass mich kosten. Nach deinem letzten Desaster sind meine Erwartungen ehrlich gesagt

ziemlich gering.“

Nur diejenigen, die meine Mutter gut kannten, konnten den scherzhaften Unterton heraushören.

Ab und zu nahm sie einen auf die Schippe, oft auch zu Recht.

„Na schönen Dank auch.“, erwiderte ich grinsend und platzierte mit dem Pfannenwender einen

frischen Pancake auf ihren Teller.

Auch mir selbst lud ich einen auf und holte dann noch Ahornsirup und Schokocreme.

Lächelnd setzte ich mich und beobachtete, wie meine Mutter kaute.

„Und, schlimm?“

Sie schluckte.

„Kann man auf jeden Fall essen – was man von dem Ei in der Mikrowelle nicht behaupten kann.“

„Oder deinem Truthahn letztes Jahr an Thanksgiving.“, schleuderte ich den Bumerang gekonnt

zurück und wir lachten.

„Jaa, Barb wäre beinahe an dem einen kleinen Bissen erstickt.“, erinnerte sie sich zurück.

Barb war meine Tante, die Schwester meiner Mutter, und die einzige Bezugsperson, welche es

neben meiner Mutter gab, auch wenn wir uns nicht oft sahen.

„Sie will übrigens vorbei kommen.“, informierte mich da meine Mutter und schnitt sich noch ein

Stück Pancake zurecht, welches sie in ihrem Mund verschwinden ließ.

„Wirklich? Das wäre großartig!“

Sie nickte kauend und schluckte dann hinunter.

„Ja, schon Morgen wollte sie vorbei kommen. Deshalb muss ich Nachmittags unbedingt einkaufen

gehen. Möchtest du etwas bestimmtes haben?“

Innerlich jubelte ich. Wenn Tante Barbara – Barb – zu Besuch kam, ging Mum immer in alle

möglichen Geschäfte; manchmal glaubte ich, sie wollte ihr nur das Beste vom Besten auftischen.

Manchmal gelang das auch ziemlich gut, doch ein anderes Mal ging es völlig in die Hose.

Eventuell könnte man sagen, Mum wäre Halbbegabt.

„Du könntest Eis mitbringen.“, schlug ich vor und sie nickte.

„Notiert.“ Sie tippte sich mit dem Finger an die Schläfe und stand auf.

„Was hast du denn so vor?“

Mist. Im Lügen war ich nicht sonderlich gut, also musste ich einen Mittelweg einschlagen.

„Ich wollte ein wenig Fotografieren.“

Sie nickte langsam.

„Du weißt aber, dass..“

„Ich bleibe im hundert Meter Radius um das Haus herum, trage mein Handy immer bei mir, meine

Notfallkarte in der Jackentasche und die Vernunft im Gehirn, Mum.“

Sie seufzte. „Ich mache mir nur Sorgen um dich.“

„Ich weiß.“, nickte ich schnell.

„Aber ich will nicht ewig in dem goldenen Käfig sitzen, Mum. Es geht mir heute richtig, richtig gut

und wenn ich schon einmal hier bin, will ich auch etwas von der Stadt sehen.“

„Du könntest Barb morgen fragen, ob ihr eine Busrundfahrt macht.“, schlug sie einen Kompromiss

vor.

Ich nickte und war froh, dass ich gerade meinen Teller in die Spülmaschine räumte.

So konnte sie nicht sehen, wie sehr ich mit den Augen rollte.

„Okay.“, sagte sie plötzlich und ich drehte mich um.

„Okay, was?“

Meine Stimmlage rutschte drei Oktaven höher.

„Du gehst um fünfzehn Uhr außer Haus und bist.. Um siebzehn Uhr wieder da.

Und alle dreißig Minuten schickst du mir eine Sms über deinen Zustand.

Ein: Mum, bin noch am Leben, reicht.“

Mein Mund klappte auf.

„Machst du Witze?“

„Wie du sagtest, ich kann dich nicht ewig im Käfig eingesperrt halten. Wenn du glaubst, du tust das

Richtige.. Es ist dein Leben.“

Schnell nickte ich.

„Ich kann auf mich selbst aufpassen, Mum.“

Dann schloss ich sie in meine Arme.

„Ich hoffe es.“, gab sie zurück, während sie mich leicht drückte.

„Jetzt muss ich aber los. Mach die Küche bitte noch sauber.“

Sie deutete auf die voll geräumte Spüle und ich nickte.

„Alles klar. Bis dann, Mum. Und Danke.“

Sie nickte und verschwand dann aus der Küche, während ich mich um das dreckige Geschirr

kümmerte und den Tisch abwischte.

Als ich die Türe in das Schloss fallen hörte, schwappte meine Nervosität an die Oberfläche und ich

rannte förmlich die Treppen hoch zu meinem Zimmer.

Ich brauchte etwas anzuziehen, und da gab es nicht wirklich viel spektakuläres.

Man könnte sagen, dass ich in schwarzen Hoodies und Leggins lebte.

Dies stellte ich auch nach einem verzweifelten Blick in meinem Kleiderschrank dar.

Wirklich schick würde ich dabei nicht aussehen, und immerhin wusste ich nicht, was genau er

vorhatte.

Da fiel mir etwas ein und ich machte mich sofort daran, meine Restlichen Umzugskisten

durchzukramen.

Tante Barbara hatte mir zu meinem siebzehnten Geburtstag ein rotes Kleid mit kleinen, weißen

Blümchen geschickt.

Der Höflichkeit halber hatte ich es für ein Foto kurz angezogen, nur um es dann wieder in dieser

weißen Schachtel verschwinden zu lassen.

Das Kleidungsstück hatte breite Schulterträger und ab der Taille einen stufigen Rock, der eine

Handbreit über dem Knie endete.

Sie meinte, es würde mir unglaublich gut stehen und ich hatte es nicht über mein Herz gebracht, es

wegzuwerfen und hatte es stattdessen unter meinem ehemaligem Schrank deponiert.

Also musste es noch irgendwo sein und mir den Arsch retten.

Fieberhaft durchsuchte ich Karton für Karton und im letzten, ganz unten versteckt, lag die

Schachtel.

Ich klappte den Deckel auf und tatsächlich lag es noch genau so darin, wie ich es reingestopft hatte.

Leider sah es auch dementsprechend aus.

Mist.

Ich begab mich auf die Suche nach einem Bügeleisen und wurde in der Speisekammer der Küche

schließlich fündig. Meine Mutter hatte, was Ordnung anbelangt, ein eigenes System, welches auch

ich nach siebzehn Jahren nicht durchblickte.

Das Bügelbrett fand ich schließlich im Keller und so machte ich mich daran, das Kleid zu bügeln.

Dies war anstrengender als gedacht und nach einer halben Stunde sah das Kleid so aus, wie als wäre

ich schon den ganzen Tag darin herum gelaufen.

Ich seufzte. Besser würde es wohl nicht werden.

Der Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch ein paar Stunden Zeit hatte.

Diese nutzte ich, um mich zu schminken, nur um mein Gesicht dann von dem ganzen Make-Up zu

befreien, weil ich mich absolut unwohl fühlte.

Seufzend schnappte ich mir meinen Haustürschlüssel, schlüpfte noch schnell in meine schwarzen

Vans und machte mich auf den Weg.

Voller Neugierde und Vorfreude beeilte ich mich so sehr, dass ich gar nicht wahrnahm, wohin mich

das Navi schickte.

Zehn Minuten vor dem errechneten Termin war ich schließlich angekommen und eine ganze

Viertelstunde zu früh.

Mist. Er hatte mir gar nicht gesagt, wo ich warten sollte.

Um fünfzehn Uhr fünfzig entschied ich mich dazu, nach einer Sms an meiner Mutter, einfach mal in

das Bahnhofsgebäude hinein zu gehen. Ein paar Geschäfte für Mitbringsel, ein Friseur und ein

Laden für Ansichtskarten standen auf der linken Seite, und rechts fand man Koffer und

Handtaschen, Schuhe und einen Mini-Supermarkt.

Alle möglichen Menschen huschten an mir vorbei; manche von ihnen sahen sehr gehetzt aus und

blickten zielstrebig nach vorne, andere Begrüßten lang ersehnte Familienmitglieder oder Freunde

mit Umarmungen und lachenden Gesichtern.

Ein kleiner Junge fiel auf den Boden und schrie, während seine Mutter verzweifelt versuchte, das

Baby auf ihrem Arm zu beruhigen.

Ich schenkte ihr ein Lächeln und geschafft lächelte sie mir zurück.

Dann hörte ich ein Klavier.

Nicht aus Lautsprechern, nein, hier musste in der Nähe jemand auf einem Klavier klimpern.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und wusste, dass ich genau dort hin musste.

Schnell folgte ich den sanften Tönen des Klavierspieles und bog um die Ecke.

Eine riesige, sonnendurchflutete Wartehalle erstreckte sich vor meinen Augen.

Und mitten darin saß ein älterer Herr vor einem schwarzen Klavier.

Ich lauschte eine Weile und blickte dann auf das kleine Schild, welches daneben aufgestellt war.

Spielen sie, wenn sie können,

Probieren sie es aus, wenn sie wollen und

hören Sie zu, wenn sie Zeit haben für den unendlichen Zauber der Musik.

Ich lächelte. Ein Klavier für jedermann also.

Würde er darauf spielen?

Der alte Herr endete sein Solo und ein paar Zuhörer klatschten, ehe sie sich wieder zerstreuten.

Ich tat es ihnen gleich und nach einer kurzen Verbeugung seinerseits schnappte er sich seine

Aktentasche und war verschwunden.

Ich trat an das Klavier und blickte überlegend auf die Tasten.

Irgendwo läutete eine Kirchenuhr, die mir verriet, dass die volle Stunde erreicht war, doch er war

nicht zu sehen.

Stattdessen steuerten jedoch zwei Punks auf das Klavier zu, die mich freundlich angrinsten.

Sie blieben tatsächlich genau vor mir stehen und ich kam nicht darum herum, den linken von ihnen

andauernd in sein Gesicht zu starren.

Diese vielen, sehr großen Piercings, die Tattoowierungen, die sein Gesicht wie einen Totenkopf

aussehen ließen.. Ich schluckte und fragte mich dabei beiläufig, wie lange die Stacheln an seinem

Halsband waren. Waren es fünf Zentimeter? Acht?

Beide trugen zudem schwarze Kutten, welche mit Nieten und Schnallen übersäht waren und Stiefel,

die über das Schienbein gingen.

Ich fragte mich, was wohl geschah, wenn sie aus versehen hinfallen würden.

Würden sie sich dann selbst aufspießen?

"Hallo, Spielst du?"

Die Stimme des Punkes mit dem roten Irokesen klang erstaunlich freundlich.

Ich trat einen Schritt von dem Klavier weg und schüttelte schnell den Kopf.

"Ich könnte, wenn ich wollte, aber es wäre grausam."

"Wie oft hast du es denn versucht?"

"Nie.", gab ich wahrheitsgemäß zur Antwort.

Beide Lachten.

"Na dann wird es Zeit."

"Zeit für was?"

"Zeit für Boogie Woogie!"

Plötzlich haute sein Kumpel in die Klaviertasten, wobei er im Takt seinen grünen Iro schwang,

während er selbst laut in die Hände klatschte und tanzte.

Erschrocken zuckte ich zusammen und lachte.

Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihnen abwenden; und nicht nur mir sollte es so gehen.

Zuschauer versammelten sich um uns herum und manche von ihnen zückten ihre Handys, um

begeistert oder verwundert diesen Moment festzuhalten.

Ich hingegen knipste ein paar Bilder mit der Kamera und stieg nach einer Weile laut klatschend mit

ein.

Bei dem schnellen Refrain verhakte sich der rothaarige plötzlich mit meinem Arm und als ich bei

dem schnellen Richtungswechsel beinahe über meine eigenen Füße stolperte, musste ich schallend

auflachen.

So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.

Mit einem Mal gesellte sich plötzlich ein Herr an das Klavier, welcher sich zuvor unter den

neugierigen und schaulustigen Zuschauern befand.

Verblüfft bemerkte ich, wie der Punk ihm grinsend Platz machte und er nach wenigen Sekunden mit

einstieg. Nun flogen vier Hände über das Klavier und ich konnte kaum glauben, welcher Moment

mir gerade geschenkt wurde.

Genau so fühlte sich das Leben an.

Genau so.

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