
Zusammenfassung
Bonnie fühlt sich wie ein Vogel im Käfig, denn Bonnie ist krank. Trotz mehrfacher Arztbesuche wusste keiner genau, was ihr fehlt. Als sie Mal wieder mit ihrer Mutter umzieht, lernt sie auf wundersame Art und Weise ihren Nachbarn kennen, der schon bald eine schreckliche Vermutung hat und als sie sich immer mehr zu bestätigen scheint, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.
1. Kapitel, Bonnie
1. Kapitel, Bonnie
Es war einmal ein kleines Miststück, und wenn ich es nicht umgebracht habe, dann lebt es noch
heute.
Und das sogar in mir.
Dieses kleine, unbändige Arschloch, welches mich Stück für Stück zerstörte, könnte euch eventuell
besser unter Tuberkulose bekannt sein.
Kurz: Meine Lungen sind einfach am Arsch.
Und ich vielleicht bald auch.
Denn der weitaus größere Fehler in der Thematik war, dass es trotz allen möglichen Medikamenten oder Therapien nicht verschwinden wollte.
Aber beginnen wir mit dem Anfang.
Schon immer war irgendetwas mit mir nicht in Ordnung gewesen;
ein gesundes Leben kannte ich gar nicht.
Die Ärzte und Doktoren wussten nie genau, woran es lag, dass ich andauernd Fieber hatte, Blut
hustete, Krank war.
Starke Kopfschmerzen samt Übelkeit waren einfach an der Tagesordnung.
Unzählige Krankenhausbesuche, Magen-Darm-Spiegelungen und Blutabnahmen samt Tests
inklusive fand man schließlich heraus, dass ich unter Asthma leide. Und dann, unter Epilepsie. Und
pfeiffersches Drüsenfieber. Und was weiß ich nicht alles.
Umso mehr Krankenhäuser wir von innen sahen, umso mehr Diagnosen erhielten wir.
Meine Mutter, Elizabeth, war oft sehr verzweifelt und hatte geweint, weil man mir einfach nicht helfen konnte.
Dann kam alles so, wie es kommen musste und eine beschissene Situation wurde noch
beschissener.
Meine Eltern ließen sich scheiden und kurze Zeit danach erlitt ich meinen ersten, richtigen Anfall.
Schon Wochen zuvor hatte ich oftmals über Müdigkeit, Kopfschmerzen oder hartnäckigem Husten
geklagt, der einfach nicht verschwinden wollte.
Dann lag ich im Krankenhausbett und bekam diese Hiobsbotschaft geschenkt.
Tuberkulose.
Mein Leben, nein, unseres, änderte sich völlig.
Mom hängte ihren Krankenschwesterjob an den Nagel, für mehrere, die ihr unbezahlt blieben:
Sie war fortan meine persönliche Ärztin, Seelsorgerin, Lehrerin,...
Die Liste dessen, was sie für mich all die Jahre lang getan hatte, war lang.
Mein Vater hingegen haute ab und hatte sich nie mehr blicken lassen, was vielleicht auch besser so
war, denn ich hatte das tiefgründige Verlangen, ihm eine zu scheuern.
Oder mehrere.
Er hatte mich und meine Mutter im Stich gelassen, in der schlimmsten Zeit unseres Lebens.
Wir hätten ihn gebraucht, und er machte es sich einfach und ging.
Von nun an waren die einzigen Menschen, die ich regelmäßig um mich hatte, meine Mum, gelegentlich ihre Schwester Barbara – auch genannt, Barb – und natürlich eine Liste an Ärzten Doktoren, die wir immer wieder wechselten.
Meine Mutter wollte einfach nicht aufgeben, jemanden zu finden, der mir helfen konnte.
Bei jedem noch so kleinem Arztbesuch wich meine Mutter nicht von meiner Seite und nach jeder
Operation wachte sie an meinem Krankenhausbett über mich, bis ich die Augen wieder aufschlug
und hoffte, dass die neuen Medikamente anschlagen würden.
Oder die neue Therapie.
Oder einfach irgendetwas, was es einfacher, besser, lebenswerter machte.
Doch egal wie oft wir den Arzt wechselten, letzten Endes landete ich sowieso in der sterilisierten
Hölle.
Und es frustrierte mich genauso sehr wie die Tatsache, dass egal wo wir waren, eine andere Diagnose erschien.
Deshalb war ich über die Zeit froh, die ich in mehr oder weniger eigenen Wänden verbringen
durfte.
Gewiss war auch dieses kleine Haus nur ein Zuhause auf Zeit.
Ich sollte mich besser nicht an die hellgelbe Tapete mit den kleinen, weißen Blümchen gewöhnen, welche die Wand gegenüber der meines Bettes zierte und einen gewissen Flair verteilten.
Auch nicht an die lilafarbenen Vorhänge, welchen an schicken, silberfarbenen Gardinenstangen hingen und welche ich halb zugezogen hatte, da das Licht dann ungewöhnlich schön durch das Zimmer fiel.
Auf gar keinen Fall würde ich mich jedoch an das Bett gewöhnen dürfen, und dies war der
deutlichst schwierigste Umstand, denn dieses war deutlich bequemer, als angenommen.
Das helle Holz hatte ein wenig spärlich gewirkt und die Federn der Matratze hatten leise unter
meinem wenigem Gewicht gequietscht, doch es war so weich, dass ich es hier schon seit geschlagenen zwei
Stunden im sitzen aushielt, den Rücken an die weiße, kühle Wand gelehnt und in meinen Gedanken versunken.
Ihre Struktur fühlte sich rau auf meiner nackten Haut an, die aus meinem schwarzem Top hervor
blitzte, und sobald ich mich ein wenig bewegte, fühlte es sich mit geschlossenen Augen wie eine
leichte Massage an.
Mitten in der erneuten Session klopfte es an die Tür und meine Mutter streckte interessiert den Kopf
hinein.
Für ihre vierzig Jahre sah sie noch erstaunlich jung aus; ihr Gesicht wies bis auf wenige Lachfalten
keine Unebenheiten auf und ich war froh, dass ich die schlanke, gerade Nase von ihr geerbt hatte.
Ihre blauen Augen, welche mit silbernen Sprenkeln durchzogen waren und mit dunklen Schatten
des nächtlichen wachliegens unterlegt, musterten prüfend das weiße, leere Regal, welches links
schräg gegenüber von mir stand und zielstrebig ging sie zu meinem Kleiderschrank, welchen sie
schwungvoll öffnete.
Auch er war aus weißem Holz, sehr schlicht, etwas staubig – und leer.
„Du hast ja noch gar nicht ausgepackt?“
Sie musterte mich besorgt, während sie ihren hellbraunen Bob hinter die Ohren strich.
„Geht es dir etwa nicht gut?“
Ihre Stimme nahm einen sorgenvollen Ton an während sie näher kam und ihre kühle Hand auf
meine Stirn presste, um Fieber zu messen.
Fieber war mein bester Kumpel. Etwa ein drittel meines Lebens bestand aus Fieber.
Nur hatte der gerade beschlossen, sich noch ein paar Tage Urlaub zu nehmen.
Immerhin musste er gegen mich kämpfen, und ich gab mich nicht so leicht geschlagen.
„Mit mir ist alles okay, Mum. Ich packe nur deshalb nicht aus, weil wir ohnehin nicht lange bleiben
werden. Da kann ich doch das ganze Zeug gleich eingepackt lassen.“, erklärte ich sachlich.
Ich wusste, allzu lange würden wir hier nicht bleiben,
zwei Monate vielleicht. Und das wäre für unsere Verhältnisse schon ziemlich lange.
An das jahrelange Umziehen hatte ich mich leider schon gewöhnt; ich fühlte mich so, als würden
wir wie Nomaden leben.
Für uns ging es von Land zu Land, Stadt zu Stadt, Wohnung zu Wohnung und Arzt zu Arzt.
Nur weil wir uns nun in Palm Springs befanden, könnte es nächste Woche schon Massachusets sein.
Und obwohl meine Mutter wegen mir sogar ihren alten Job an den Nagel hing – sie war
Krankenschwester – hatte sie sich noch nie beklagt.
Nicht wegen den Umzügen, wegen ihres Geldbeutels, nicht wegen ihrem fehlenden Freiraum oder
Partner.
Sie war für mich da, jederzeit.
Die einzigen Verabredungen, die sie führte, waren Vorträge von Professoren und Doktoren über
Tuberkulose; gegebenenfalls unternahm sie auch Mal etwas mit ihrer quirligen Schwester Barbara,
das war es auch schon.
Ich hingegen konnte nicht einmal das vorweisen, und es fiel mir schwer, keine bissigen
Bemerkungen darüber zu verlieren, denn ich wollte verdammt nochmal mehr.
Alles, was ich mir mittlerweile herbeisehnte, war ein normales Leben, welches andere
siebzehnjährige Mädchen auch führten.
Ich wolle ausgehen, Jungs Daten, eine beste Freundin haben, die mit einem kitschige Liebesfilme
guckt oder ein Kilo Eis isst, wenn es mit der eigenen Liebe nicht so funktioniert hat, wie erhofft.
Einen festen Wohnsitz, eine Schule, und ja verdammt, auch Sex.
Aber ich wusste, dass ich damit nicht um die Ecke biegen konnte.
Immerhin war ich nicht die Einzige, die verzichten musste.
Mum musste es auch. Und ihr schien es absolut nichts auszumachen, an mich gefesselt zu sein.
„Ich weiß, dass das schwer für dich ist, Bonnie. Glaub mir, mir macht das auch keinen großen Spaß,
immer wieder aufs neuee Doktoren anzurufen, eine Wohnung zu suchen, einen Minijob
zu finden... Ich werde aber keine Ruhe geben, bis ich nicht weiß, wie man dir am Besten helfen
kann.“
Schlechtes Gewissen durchzog meine Brust.
Meine Mum tat so vieles für mich, gab so vieles auf für mich.
Meine Krankheit regierte unser beider Leben.
„Ich glaube, ich bedanke mich viel zu selten bei dir, Mum.“, sagte ich schließlich.
Sie schenkte mir ein Lächeln.
„Du musst dich doch nicht bedanken, Liebes. Das, was ich mache, mache ich sehr gern für dich.
Und jetzt tu mir aber bitte den Gefallen, die Kisten leerzuräumen und vergiss deine Smarties nicht.“
Ich nickte schnell.
Zwei Mal täglich musste ich meine Smarties – die bunten Antibiotika – einnehmen.
Sie waren für mich sozusagen Überlebenswichtig.
Und sofern sie halfen, würde ich wenn nötig mich davon ernähren.
Hauptsache, ich würde irgendwann in absehbarer Zeit ein normales Leben führen können.
Dieser Gedanke motivierte mich schließlich so sehr, dass ich dann doch aufstand.
„Ich packe dann Mal aus, Mum.“
„Okay. Ruf, wenn etwas sein sollte. Und denk an...“
„...Deine Tabletten. Ich habe alles im Griff, keine Sorge.“
Glatte Lüge. Denn das Miststück in mir hatte ich nie im Griff.
