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2. Kapitel, Caleb

2. Kapitel, Caleb

„Ich frage mich, wie lange du mich noch dafür büßen lassen willst.“

Der grauhaarige Mann mit den blauen Augen, den hohen Wangenknochen und den dunklen

Rädern um seine Augen herum, faltete flehend seine Hände zusammen, wie als würde er plötzlich

gläubig werden und beten.

Ich ließ mich jedoch nicht von ihm blenden, nicht mehr.

Dann sollte er eben in die Hölle kommen, es war mir egal.

„Und ich frage mich, wann du aufhörst, hier ständig aufzutauchen.“

„Ich bin dein Vater!“, verteidigte er sich sofort und ich ging zwei drohende Schritte auf ihn zu.

Er machte sich in seinem fein gebügeltem, grauen Anzug zwar ein wenig kleiner, und doch hielt er

meinem Blick stand.

„Du bist mein Erzeuger. Mehr bist du kleines Stück Scheiße nicht.“

Dann drehte ich mich um und ging ein paar Meter, wobei ich nach meinen Kopfhörern kramte.

„Okay, Caleb. Ich hab es verstanden, du hasst mich. Aber warum, warum lässt du dein

Medizinstipendium fallen?“

Mitten in meiner Bewegung hielt ich inne und ließ den letzten Teil noch einmal auf mich wirken.

Das war ja so klar.

Ich lachte verächtlich auf.

„Darum geht es dir also, ja? Das du fein von deiner Ärztefamilie vorschwärmen kannst? Du bist so

armselig!“

„Du weißt genau, dass das nicht stimmt.“

Er war ja so erbärmlich.

Alles, was ich für diesen Mann empfinden konnte, war Hass, welcher soeben sehr stark zunahm.

„Das was ich genau weiß, ist, dass du für mich gestorben bist.“

„Caleb!“

Ich ignorierte ihn und machte mich auf den schnellsten Weg nach Hause.

Onkel Rob würde von mir etwas zu hören bekommen, und das aber gewaltig.

Ich hastete die Allee entlang, an der links und rechts etwa alle fünf Meter hohe Bäume standen, die

zwar klein und knorrig aussahen, aber für zwei Tage im Jahr die schönsten, hellrosanen Blüten

hervorbrachte.

Schon bald würde es wieder so weit sein und der Baum sähe so aus, als hätte man ihn mit Tulpen

gespickt.

Vielleicht hießen sie deshalb Tulpenmagnolien.

Links führte noch ein Eingang zu einem Park mit mehreren Spiel- und Sportgeräten, einem kleinem

Teich und einer Hundewiese, wo ich in der Vergangenheit ab und an Zumi spazieren führte.

Zumi war eine Stafforddame mit einem Fell weiß wie Schnee, bis auf das schwarz umrahmte,

braune Auge. Das andere war blau.

Sie hatte einen muskulösen Körper und ein fürchterlich – für mich fürchterlich schönes – Lächeln.

Am liebsten würde ich sie zu mir hohlen, doch Onkel Rob hatte eine Kynophobie und solange ich

gezwungenermaßen bei ihm wohnte, käme sie ihm nicht einmal vor die Haustür.

So kam es, wie es kommen musste und jemand anderes adoptierte die kluge Hündin, was mir

einerseits mein Herz gebrochen hatte, doch andererseits war ich dankbar, dass sie ein Zuhause

gefunden hatte.

Ich ging noch eine Spur schneller und legte mir schon einmal Gesprächsbausteine fest; denn ich

musste mir Robert Haydens vorknüpfen, und das so schnell wie möglich.

Zuhause angekommen schloss ich erst einmal wutentbrannt die Haustüre auf und knallte sie nach

meinem Eintreten zurück in das Schloss.

„Onkel Rob?“

„In der Küche!“

Er klang wie immer gut gelaunt und ich fragte mich, ob er das gleich auch noch tun würde.

Ohne meine Schuhe abzustreifen machte ich mich auf den Weg zu ihm in die Küche, aus der

Geräusche klangen, wie als würde Plastik auf Glas treffen.

Wahrscheinlich rührte er gerade in etwas herum, was sehr wahrscheinlich war, denn er hatte sich

sein Hobby zum Beruf gemacht und war Koch, was man seinem kleinen Bauch eventuell auch

entnehmen konnte.

So gern er nämlich auch kochte, so gern aß er auch.

Er konnte froh sein, dass er für Rezepte und Zutaten ein gutes Händchen hatte, ansonsten hätte er

längst ein kleines Vermögen für den Lieferdienst hingeblättert.

„Du hast es ihm erzählt.“, startete ich also mein Gespräch, während ich mich an den Kühlschrank

lehnte und das schreckliche Hawaiihemd musterte, welches er trug.

Es war irgendwie eine beißende Mischung aus Rot, Orange und Hellblau, etwas, dass ich nicht

einmal an Fasching tragen würde.

Er hatte es jedoch wahrscheinlich aus den Zeiten, als er als Koch ein Jahr um die Welt gereist war,

um neue Rezepte kennen zu lernen, welche er in die seinen einfließen lassen wollte.

Es war zwar schon ein paar Jahre her, sieben, um genau zu sein, und doch konnte er die Zeit nicht

loslassen, was seine Klamotten betraf.

Denn wie auch das Hemd sprach die abgeschnittene Jeans für sich, in der seine stämmigen Beine

steckten.

Er zuckte als Antwort gelassen mit seinen Schultern, während er einen Salat anmachte.

„Er ist dein Vater, Caleb, und er macht sich Gedanken um dich.“

„Die hätte er sich früher machen sollen.“

Er seufzte und stellte die Schüssel beiseite.

„Setz dich hin.“

Rob deutete auf den Küchenstuhl, welcher schon immer in der rechten Ecke stand und

dementsprechend aussah. Der ehemals dunkelblaue Sitzstoff wirkte an einigen Stellen ausgeblichen.

Auch der kleine Tisch, welcher eher als Schneidefläche benutzt wurde, hatte schon die ein oder

andere Schramme und wackelte leicht, wenn man Knoblauch oder Kräuter hackte.

Rob war eben niemand, der sich gern von Dingen trennte, es sei denn, es ging um seine Gedanken.

Und diese breitete er jetzt offen vor mir aus.

„Für deinen Vater war es auch nicht leicht, Rose so zu sehen. Gewiss nicht. Ich wusste ja schon

immer, dass Rose krank war, aber mir wollte niemand glauben.“

Er wirkte mit einem Mal hilflos, als er sich den anderen, ebenso ausgeblichenen Stuhl heranzog, ihn

umdrehte und sich verkehrt herum darauf setzte.

„Rose... Hatte sich schon immer verletzt. Nicht erst durch deinen Vater, Caleb.

Sie fiel manchmal von Treppen, oder aß beispielsweise ganz aus versehen Nüsse, gegen die sie

allergisch war. Einmal flog sie sogar beim Blumen gießen aus dem Fenster, weil Sheila, die Katze,

sie angeblich erschreckt hätte.

Ein anderes Mal traf sie beim Kochen fast die Pulsadern, weil sie sich beim Kürbis schneiden tief in

den Arm schnitt. Es wurde so schlimm, dass sie schon damals eingewiesen werden musste, als

feststand, dass sie das...“

„Ich weiß, Onkel. Aber warum erzählst du mir das?“, unterbrach ich ihn.

Er wusste, dass ich diese Geschichten nicht gern hörte, nein, ich hasste sie sogar.

„Damit du verstehst, warum du deinen Vater nicht böse sein kannst, Caleb.“

Ich lachte auf, verstummte jedoch nach seinem Blick und wurde still.

„Als sie schließlich wieder gesund war, lernte sie schnell deinen Vater kennen und lieben. Er hatte

gerade sein Medizinstudium beendet und war in die Stadt gezogen. Sie heirateten, zu meinem

Bedauern, sehr schnell, aber sie waren sich beide so sicher, dass es funktionieren würde..“

„Aber es funktionierte nicht.“

Rob schüttelte seinen Kopf.

„Nein. Rose hatte ihm verschwiegen, dass sie einmal krank war. Sie hatte einfach Angst.. Und dann

wurde sie genau zu der Zeit schwanger, als dein Dad als Chefarzt praktizierte.

Es war eine schwierige Zeit für deine Mutter und sie fühlte sich sehr oft einsam, weil er viel

arbeiten musste. Er hat es aber getan, weil Rose schwanger wurde, und zwar mit dir.“

Er lächelte mir zu, doch ich erwiderte es nicht.

„Nach der Geburt im Krankenhaus kam dann wieder die alte Rose zum Vorschein, welche sich die

Kaiserschnittnarbe absichtlich entzündet hatte, oder so ungünstig gefallen war, dass sie auf eine

Glasvase landete, welche zerbrach...

Austin war verzweifelt. Und als ich vorsichtig Rose Vergangenheit erwähnte, fiel es ihm wie

Schuppen von den Augen.

Drei Tage später kündigte er seine Stelle, um von nun an für dich und sie da zu sein.“

In mir stiegen gemischte Gefühle hoch.

So deutlich hatte Rob noch nie über vergangenes meine Mutter betreffend erzählt.

Mit einem Mal spürte ich einen Hauch Verständnis für meinen Vater aufkeimen, doch ich zerschlug

es, sobald es an die Oberfläche kommen wollte.

Er hatte mich im Stich gelassen und uns eingetauscht. Das er der Gute sein sollte, wollte ich nicht

glauben.

„Es wurde aber nicht besser, denn Rose konnte einfach nicht aufhören und am Ende hatte dein Vater

Angst, dass sie auch dir etwas antun würde, weshalb er sie einweisen ließ.

Glaub mir, er hat deshalb mehr als einen Monat Nachts geweint und es war ihm unglaublich,

unglaublich schwer gefallen. Austin verfiel in Depressionen und es wurde nicht besser, als er hörte,

dass der Zustand deiner Mutter sich nicht verbessert. Auch nach Jahren zeigten sich keine stetigen

Veränderungen, sie fiel immer wieder in alte Muster zurück.“

„Und dann hat er Rebecca kennen gelernt, und...“

Onkel Rob schüttelte seinen Kopf.

„Er lernte Rebecca kennen, kurze Zeit später, als das Trennungsjahr von beiden vollzogen wurde.

Und als du sie beide erwischt hast, am Tag der Scheidung, hattest du wohl gedacht, dass Rebecca

der Grund dafür gewesen wäre.

Das war sie aber nicht.“

Ich nickte leicht.

„Warum sagt man mir das erst jetzt?“

„Wie oft hast du denn bisher zugehört, wenn es darum ging?“, stellte er die Gegenfrage und hob

seine buschigen, dunklen Brauen.

„Okay, du hast ja Recht.“

„Vielleicht wäre die Hochzeit eine gute Gelegenheit für dich, noch einmal neu anzufangen. Austin

hat genug gelitten und ich denke, du solltest ihm eine Chance geben.“

Er schob mir das weiße Kärtchen hin, welches ich vor etwa einer Woche im Müll versenkt hatte und

fragte gar nicht, wo er das nur wieder her hatte.

Ich stand auf und schob mir das Stück Papier in die hinterste Hosentasche.

„Vielleicht hast du Recht. Aber das entschuldigt noch immer nicht alles, was er getan hat. Er war

nicht für mich da, als ich ihn brauchte, Rob.“

Er erhob sich langsam von seinem Stuhl und nickte.

„Ich weiß, dass das keine Entschuldigung sein soll.. Aber für ihn war auch keiner da.“

Dann begab er sich erneut zu seinem Salat und stocherte mit der Gabel darin herum.

„Willst du Mal kosten?“

Nein, danke. Ich hab keinen Hunger,“

Rob nickte und ich wandte mich, um zu gehen, drehte mich dann aber noch einmal um.

„Hey, Onkel Rob?“

Er sah auf und ich brachte tatsächlich so etwas wie ein ehrliches Lächeln zusammen.

„Danke.“

Er nickte langsam und wirkte beinahe etwas Stolz, als er mich musterte.

Ich hingegen ging mit gemischten Gefühlen zurück in mein Zimmer und schmiss mich auf mein

Bett.

Gedanken prasselten auf mich ein und traten an die Oberfläche, einige davon bereiteten mir ein

schlechtes Gewissen, andere ließen mich zweifeln, und wiederum andere machten mich verdammt

traurig.

Ich wusste, dass mir in so einer Gedankenspirale nur eines helfen konnte, und das war die Musik.

Allerdings verriet der Blick auf mein Handy, dass ich weitestgehend länger in meinen Gedanken

festgehalten war, als befürchtet und das Rob bestimmt schon schlafen gegangen und die

Alarmanlage aktiviert hatte, dessen Passwort er jedes Wochenende änderte.

Zum Glück gab es aber auch ein Fenster, durch das ich gehen konnte.

Sagte nicht schon ein altes Sprichwort:

Wenn es durch die Tür nicht geht, dann ein Fenster offen steht?

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