Kapitel 1
Die Tür stand einen Spalt offen.
Ich hörte Gelächter.
Ein Lachen, das einer Frau gehörte.
Dann traf mich der Duft - schwer, durchdringend, absichtlich gesetzt.
Sandelholz und Jasmin. Ihr Parfüm.
Jörg hasste konkurrierende Düfte in seinen Privaträumen. Für seinen Vorstandsbereich hatte er eine klare, neutrale Luft gefordert, und daran gab es nichts zu rütteln.
Doch heute Abend war der Raum mit einer anderen, fordernden Note geschwängert.
Ich schob die Tür auf.
Und ich sah sie.
Jörg saß hinter seinem Mahagonischreibtisch, entspannt, die Ärmel aufgekrempelt, in seiner ganzen Macht als CEO - diese herrische Präsenz, vor der selbst Vorstände kleinlaut wurden und Konkurrenten ehrfürchtig Abstand hielten.
Auf seinem Schoß saß Helena Ashford.
Nicht stehend neben ihm.
Nicht artig auf einem Stuhl.
Auf seinem Schoß.
Ihr Designer-Kleid rutschte hoch, während sie sich zu ihm beugte, ihre Lippen streiften sein Ohr. Jörgs Hand lag offen auf ihrer Taille, sein Daumen malte langsame Kreise, als gehöre ihr jede Faser ihm.
Als gehöre sie dorthin.
Als gehöre ich nicht.
Helena lachte, warf den Kopf zurück, und Jörg küsste ihren Hals - lässig, ohne Eile, mit einer Deutlichkeit, die keine Zweifel ließ. Seine Augen verdunkelten sich zu jenem Glühen, das nur aufflammte, wenn ihn etwas wirklich faszinierte.
Dann hob er den Blick.
„Ach.“ Seine Stimme blieb unverändert. „Du bist zurück.“
Helena stieg nicht von ihm herunter. Sie drehte nur leicht den Kopf und lächelte, als sähe sie die Putzfrau vorbeigehen.
„Nine“, säuselte sie. „Wir haben nur... ein wenig Zeit für uns gefunden.“
Jörgs Finger verharrten auf ihrem Oberschenkel.
Ich riss meinen Blick von dieser Geste los, bevor er mir die Fassung rauben konnte.
Eine Reaktion wäre eine Niederlage gewesen.
Ich trat langsam vor und legte eine dünne Mappe auf den Schreibtisch.
Jörg hörte nicht auf, sie zu berühren, während seine freie Hand danach griff.
„Was ist das?“, fragte er und griff nach der Mappe.
Sein Ton war abwesend - als müsse er ein lästiges Kind beschwichtigen, während seine wahre Aufmerksamkeit woanders, bei ihr, gefangen war.
„Eine Bescheinigung für die Uni“, sagte ich leise. „Eine Haftungsfreistellung für das Forschungslabor. Ohne deine Unterschrift als Ehepartner darf ich nicht weiterarbeiten.“
Helenas Mundwinkel zuckten.
„Du unterschreibst immer ihre kleinen Zettelchen“, spottete sie, ihre Stimme triefte vor süßlicher Herablassung. „So ein folgsames Ding.“
Jörg lachte kurz auf.
„Das hält sie bei Laune.“
Die Worte trafen mich wie ein körperlicher Schlag.
Aber mein Gesicht blieb eine Maske der Ruhe.
Ich zeigte auf die Unterschriftszeile.
„Es ist Pflicht“, sagte ich. „Ohne sie bin ich gesperrt.“
„Gesetzlicher Ehepartner?“ Jörgs Braue hob sich kaum merklich.
Ich lächelte - ein kleines, kontrolliertes Lächeln.
„Du bist mein Mann“, erinnerte ich ihn. „Und du bist die einzige Familie, die ich noch habe.“
Für einen halben Herzschlag lang herrschte Stille.
Dieser Satz hätte Gewicht haben müssen.
Die Erinnerung an Schwüre und Versprechen hätte in der Luft liegen müssen.
Aber Helena rutschte auf seinem Schoß, nahm noch bequemer Platz, und Jörgs Aufmerksamkeit schnellte wie ein Gummiband zu ihr zurück, zu ihrem Mund, zu ihrem Parfüm.
„Unterschreib einfach“, sagte ich mit leichtem Ton. „Ich bin spät dran.“
Er las nicht.
Keinen einzigen Blick warf er darauf.
Er nahm seinen Montblanc-Füller, als unterschriebe er einen Lieferschein - nicht das Ende seiner Ehe.
Seine Unterschrift floss in einem schnellen, scharfen Strich über das Papier.
Dann schob er die Mappe zu mir zurück.
„Fertig.“
Helena strahlte, ihre Finger schoben sich in sein Haar.
„Sie beherrscht die Kunst der Unsichtbarkeit wirklich perfekt“, flüsterte sie, laut genug für mich.
Jörgs Augen huschten für weniger als einen Herzschlag zu mir.
Leer. Wie ein unbewohnter Raum.
Dann kehrte sein Mund zu ihrem zurück.
Ich hob die Mappe.
Die Tinte war noch feucht.
Mein Hals schnürte sich zu, aber ich zwang die Wut hinunter.
„Danke“, sagte ich.
Ich drehte mich um und ging.
Erst als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, erlaubte ich mir, tief zu atmen.
Dann erst begannen meine Hände zu zittern.
In meiner Tasche öffnete ich die Mappe gerade so weit.
Fett. Endgültig. Unwiderruflich.
ANTRAG AUF EHEAUFLÖSUNG
Jörg Sterling hatte ihn unterschrieben, ohne zu lesen.
Ich starrte lange auf seinen Namen.
Dann lächelte ich.
Nicht vor Freude.
Vor Befreiung.
In dieser Nacht saß ich auf der Bettkante, mein Koffer halb gepackt auf dem Boden.
Ich hatte das seit Wochen vorbereitet. Lautlos. Sorgfältig.
Bei den Sterlings bedeutete Überleben für eine Frau: Schweigen.
Doch einen Mann wie Jörg zu verlassen, verlangte mehr.
Es verlangte, den Mann, der sich für unbesiegbar hielt, mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
Mein Telefon summte.
Unbekannte Nummer.
Ich zögerte einen Moment - dann nahm ich ab.
„Frau Nine Sterling?“ Eine männliche Stimme, präzises Englisch mit weichem, europäischem Akzent. „Hier spricht das Sekretariat von Dr. Laurent, Biomedizinisches Forschungsinstitut Zürich.“
Mein Herz setzte aus.
Dann begann es wild zu hämmern.
„Ja“, sagte ich mit fester Stimme. „Allerdings verwende ich wieder meinen Mädchennamen. Bitte nennen Sie mich Nine Neuhaus.“
„Natürlich, Frau Nine Neuhaus“, fuhr er ebenso geschmeidig fort. „Wir haben Ihren Stipendienantrag geprüft. Ihre Arbeit auf dem Gebiet der zellulären Regeneration und Gentherapie ist... herausragend. Das Gremium hat Ihre Aufnahme einstimmig befürwortet.“
Für einen Moment war ich sprachlos.
Der Raum kam mir plötzlich erdrückend vor.
Wie ein zu eng gewordenes Kleidungsstück.
„Wann könnten Sie den Umzug antreten?“, fragte er.
Ich ließ meinen Blick durch das Schlafzimmer schweifen, das nie mein Zuhause gewesen war.
Der Kleiderschrank voller Kleider, die Jörgs persönlicher Shopper ausgesucht hatte. Die Bettwäsche, die noch schwach nach seinem Zedernholzduft roch. Die Leere neben mir, wo Liebe hätte sein sollen.
Fünf Tage.
Fünf Tage, um zu verschwinden.
Fünf Tage, um mein Leben zurückzuerobern, bevor er auch nur ahnte, was er unterschrieben hatte.
Ich drückte das Telefon fester ans Ohr.
„Geben Sie mir fünf Tage“, sagte ich leise. „Fünf Tage für die Vorbereitung.“
Ein kurzes Schweigen.
Dann wurde die Stimme warm. „Das klingt nach einem Plan. Wir kümmern uns um alles von hier aus: Abholung am Flughafen, eine Wohnung in Institutsnähe... Sobald Sie hier sind, liegt der Fokus nur noch auf Ihrer Forschung.“
Ich schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit vier Jahren spürte ich etwas, das ich fast vergessen hatte.
Die leichte, befreiende Luft der Erleichterung.
„Danke“, sagte ich leise.
Als das Gespräch endete, starrte ich auf meine Hände.
In der einen hielt ich die Scheidungspapiere.
In der anderen die Flugbestätigung.
Fünf Tage.
Dann war ich weg.
