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Kapitel 4

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging ich wieder nach oben, um zu packen.

Ich riss den Schrank auf und warf den Koffer auf den Boden. Ein dumpfer Schlag.

Das Geräusch des Reißverschlusses klang wie das Zuschnappen einer Falle.

All die Jahre meiner Anpassung blieben als leere Hüllen im Schrank hängen.

Ich nahm nur mit, was wirklich mir gehörte.

Dann zog ich eine Schublade auf, und meine Finger erstarrten.

Leer.

Die Halskette war weg.

Das einzige Erbstück der Wallis-Frauen.

Meine Mutter hatte sie mir auf dem Sterbebett in die Hand gedrückt, ihre Stimme schwach, aber unmissverständlich:

„Amelia, das ist das Zeichen. Egal, was kommt, du bist und bleibst eine Wallis.“

Und nun war sie fort.

Ich riss den gesamten Inhalt der Kommode heraus, fand sie nicht.

Eine eiskalte Ahnung stieg in mir hoch.

Ich stürzte die Treppe hinab.

Im Wohnzimmer saß Daisy, Isaak neben ihr. Sie saßen auffallend nah beieinander.

Und um ihren Hals - die Kette.

Das Sonnenlicht fiel auf das vertraute Muster, und mir blieb die Luft weg.

„Nimm sie ab.“ Meine Stimme war ein gefrorenes Flüstern.

Sie zögerte, dann lächelte sie. „Die hat mir Isaak geschenkt. Das geht dich nichts an.“

Sanft der Ton, herausfordernd der Blick.

Ich ging auf sie zu, Schritt für Schritt. „Das ist ein Andenken meiner Mutter. Ein Wallis-Erbstück.“

Sie senkte den Kopf wie ein gescholtenes Kind, umklammerte die Kette aber fester.

„Aber... Isaak hat sie mir gegeben. Er sagte, sie soll mich glücklich machen.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, das Bild tiefster Kränkung.

„Du lügst!“ Meine Stimme barst. „Diese Kette ist ein Unikat! Gib sie her!“

Ich fuhr auf sie zu.

Isaak blockierte mich, packte meine Schultern. „Beruhige dich, Amelia, vielleicht ist es ein Missverständnis -“

Doch ich riss mich los, mit einer Wucht, die ihn überraschte.

Schließlich wandte er sich hilflos an Daisy. „Daisy, gib her. Lass sie sie sehen.“

Tränen schwammen in ihren Augen. „Aber sie nennt mich eine Diebin... Du hast sie mir doch gegeben.“

Isaak war hin- und hergerissen. „Amelia, ich kauf dir eine neue, zehn neue. Das Ding ist doch nicht so wichtig. Daisy, wein nicht. Ich besorg dir was Besseres.“

Nur blanke Ironie blieb in mir zurück.

Er würde nie verstehen, dass es nicht um den Wert ging.

Es war das letzte Stück meiner Mutter, das Symbol meiner Herkunft, und nun schmückte es den Hals dieser Frau.

Schluchzend öffnete Daisy das Schloss.

Gerade als ich zugreifen wollte, ließ sie sie fallen -

Kracks!

Die Kette schlug auf den Marmorboden und zerbarst.

Stille.

Ich starrte auf die Scherben. Alles in mir setzte aus.

Ich sah zu Daisy hoch.

Ein flüchtiges, triumphierendes Lächeln glitt über ihr Gesicht.

In diesem Moment wusste ich - es war Absicht.

Weiße, zerstörerische Wut schoss durch meine Adern.

Ich sprang vor und schlug ihr mit aller Wucht ins Gesicht.

Daisy hielt sich die Wange, fassungslos, hatte meinen Schlag nicht erwartet.

Im nächsten Moment -

Isaaks Faust traf mich mit voller Wucht am Ohr.

Brennender Schmerz. Die Welt hielt den Atem an.

„Du schlägst sie wegen einer kaputten Kette? Ist dieses Stück Metall mehr wert als sie und mein Kind!“

Mein Kind.

Nicht das Kind seines Bruders.

Mein Trommelfell dröhnte.

Er hatte es zugegeben.

Das Kind war seins.

Ich sah diesen Fremden an, mein Herz hämmerte wild.

Fünf Jahre gemeinsamen Lebens stürzten in sich zusammen.

Ich bückte mich und sammelte die Bruchstücke vom Boden auf, eins nach dem anderen.

„Perfekt, Isaak. Damit ist alles gesagt.“

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