Kapitel 3
Ich ging zurück ins Schlafzimmer und packte. Die farblosen, braven Kleider, die ich für ihn getragen hatte, ließ ich im Schrank.
Ich zog an, was ich früher geliebt hatte.
Nicht länger die unauffällige Frau im Schatten des Rockstars.
Die Frau im Spiegel hatte zinnoberrote Lippen, einen perfekten Lidstrich und kastanienbraune Wellen, die ihr über die Schultern fielen.
Ich schlüpfte in ein blaues Seidenkleid und warf eine schwarze Lederjacke darüber.
Scharf. Unverwechselbar. Ich selbst.
Zum ersten Mal seit fünf Jahren.
Ich griff zum Telefon.
„Ich brauche einen Drink.“
In der Bar war das Licht gedämpft, schwerer Rock dröhnte aus den Boxen. Die Luft war dick von Whiskey- und Zigarettengeruch.
Bella - meine engste Freundin, wir waren zusammen aufgewachsen.
Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, und ein spöttisches Lächeln legte sich um ihren Mund.
„Sieh an. Da ist sie ja wieder. Nicht die brave Ehefrau, die sich vergraben hat.“
Ich warf den Kopf zurück und kippte den Drink hinunter. Ein Feuerstrahl fuhr mir die Kehle hinab.
„Erbärmlich, oder? Ich habe meinen Vorstandsposten aufgegeben, das Milliarden-Imperium meiner Familie, alles für Isaak. Fünf Jahre lang war ich sein Blitzableiter, habe Skandale erstickt, sein Image vom Rowdy zum Rockmythos gewaschen. Und wofür? Nicht mal ein Dankeschön war meine Mühe wert.“
Vivi klopfte mit einem Fingernagel gegen ihr Glas, ihr Blick war scharf. „Hör auf, dich zu bemitleiden. Du gehörst in die erste Reihe, nicht in seinen Hintergrund. Komm zurück, Amelia. Eine Wallis steht nicht im Schatten irgendeines Gitarrenhelden.“
Ich verzog die Lippen, ein lange verloren geglaubter Stachel blitzte in meinen Augen auf. „Das habe ich vor.“
Dann wurde Vivis Blick ernst, ihre Stimme sank. „Aber... hast du bedacht, dass das Kind tatsächlich von Isaak sein könnte?“
Das Glas entglitt meiner Hand, Alkohol schwappte über den Tisch.
Ein eiskalter Schreck durchfuhr mich.
„Unmöglich.“ Ich schüttelte den Kopf, doch meine eigene Stimme klang fadenscheinig.
Seit Daisy da war, hatte sich Isaaks Verhalten immer seltsamer angefühlt.
Seine ganze Geduld, seine ganze Sanftheit - alles ging an sie.
Und sie... jeder Blick, jedes Wort saß so perfekt, dass es misstrauisch machte.
Dieses Kind... konnte es wirklich sein?
Ich trank Glas um Glas, bis sich der Raum zu drehen begann. Mein letzter bewusster Eindruck war eine große Gestalt, die in die Bar stürmte, seine Stimme voll unterdrückter Wut.
„Amelia!“
Isaak.
Er trug Basecap und Maske, riss mich aus der Sitznische, seine Bewegungen grob und hektisch.
„Bist du ganz bei Trost? Dich hier so vollaufen zu lassen - wenn dich ein Paparazzo erwischt, dann klebt dein Gesicht morgen in jeder Schlagzeile, direkt neben ‚Skandal‘ und ‚Zusammenbruch‘!“
Ich wehrte mich mit letzter Kraft, wollte seine Berührung nicht. Doch der Alkohol hatte meine Glieder in Watte gepackt. Ich konnte mich nicht befreien, ließ mich forttragen.
Sein Geruch, einst vertraut, brannte jetzt schlimmer als der Fusel.
Ich schloss die Augen, eine Welle vernichtenden Schmerzes überrollte mich.
...
Am nächsten Morgen.
Mein Kopf hämmerte. Noch immer trug ich die Kleider von gestern. Ich taumelte die Treppe hinunter und erstarrte.
Daisy thronte in der Mitte unseres Sofas, als gehöre ihr der Platz.
Plötzlich sah ich es: Die Kissen, die Dekoration auf dem Tisch - so vieles war ersetzt durch Dinge, die ich nie gekauft hatte.
Sie drehte den Kopf, ihre Augen funkelten triumphierend. „Endlich wach. Isaak war gestern Nacht so außer sich vor Sorge, hat dich bis ins Bett getragen.“
Sie strich über ihren Bauch, ihr Ton war gespickt mit Sticheleien. „Du solltest wirklich lernen, dich mehr auf ihn zu verlassen.“
Ich fixierte sie, ein kühles Lächeln auf den Lippen. „Mich auf ihn verlassen? Mit welchem Recht erteilst du mir Ratschläge?“
Ihre Maske rutschte für einen Sekundenbruchteil, dann war die Zerbrechliche wieder da. „Ich will doch nur nicht sehen, wie deine Ehe zerbricht.“
Ich trat näher, die Zähne aufeinandergebissen. „Spiel dein Theater nicht mit mir. Vergiss nicht, du bist hier nur geduldet. Und du thronst auf meinem Sofa und tust, als wäre es deins. Wenn du wirklich nicht willst, dass meine Ehe zerbricht, dann verschwinde. Jetzt.“
