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Kapitel 1

An unserem Hochzeitstag fand ich das entsperrte Handy meines Mannes, entdeckte einen Chatverlauf mit dem Titel „Meine echte Frau", las sechs Monate voller Liebesbriefe an meine Schwester – und begriff, dass jeder Kuss, den er mir je gegeben hatte, ihr gegolten hatte.

Mein Name ist Sera Whitmore.

Vor drei Jahren heiratete ich Dominic Ashford, CEO von Ashford Industries, den mächtigsten Mann in ganz Chicago.

Ich war zweiundzwanzig. Er war fünfunddreißig. Ich hielt mich für die glücklichste Frau der Welt.

Er hatte etwas Magnetisches – Augen wie kalter Stahl, eine Kieferpartie, die man hätte zeichnen können, und eine Stimme, bei der ganze Vorstandsetagen verstummten. Wenn er mich ansah, zerfloss ich. Wenn er mich berührte, glaubte ich, geliebt zu werden.

Ich war eine Närrin.

Es hätte ein perfekter Abend werden sollen. Dritter Hochzeitstag. Ich hatte den ganzen Tag vorbereitet – sein Lieblingsessen, ein neues Kleid, Kerzen, die das Penthouse in eine Filmkulisse verwandelten.

Er kam zu spät. Zwei Stunden zu spät.

Sein Handy summte auf der Küchentheke, wo er es am Morgen liegen gelassen hatte. Ich nahm es, um seinem Fahrer zu schreiben.

Der Bildschirm war entsperrt.

Und da war es.

Ein Chatverlauf mit meiner älteren Schwester, Vivienne Whitmore. Sechs Monate voller Nachrichten. Fotos. Sprachnachrichten. Pläne.

„Ich mache jedes Mal die Augen zu, wenn ich mit ihr schlafe, Viv. Das weißt du. Du warst es immer."

„Sie ist nur ein Platzhalter, bis die Bedingung aus dem Trust deines Vaters ausläuft. Danach gehören wir uns."

„Sie sieht dir ähnlich genug, um jeden zu täuschen. Dieselben Haare. Dasselbe Lächeln. Das arme Ding glaubt tatsächlich, ich hätte sie gewählt."

Meine Hände zitterten nicht. Das überraschte mich.

Ich scrollte weiter.

Viviennes Antworten waren schlimmer.

„Ahnt sie irgendetwas?"

„Gott, nein. Sie vergöttert mich."

„Erbärmlich, ehrlich gesagt. Aber nützlich."

Ich las zwanzig Minuten lang. Ich erfuhr alles.

Dominic musste vor seinem fünfunddreißigsten Geburtstag verheiratet sein, um den Zwei-Milliarden-Dollar-Trust seines Vaters freizuschalten. Der Alte war sehr genau gewesen – heirate eine Whitmore-Tochter. Zwischen den Familien gab es eine alte Abmachung, eine Fusion, mit Blut besiegelt.

Dominic wollte Vivienne. Schon immer. Sie waren seit Jahren heimlich zusammen.

Aber Vivienne war noch nicht so weit. Sie wollte erst ihre Modelkarriere in Paris. Sie wollte Freiheit.

Also fassten sie einen Plan.

Sie schickten Dominic zu mir. Zur jüngeren Schwester. Der Stillen. Der, die ihr ganzes Leben lang unsichtbar gewesen war, verzweifelt nach Aufmerksamkeit hungerte, leicht zu manipulieren.

Ich war die Ersatzbraut.

Der Trust war vor sechs Monaten freigeschaltet worden. Das hieß: Seit sechs Monaten hatte er jeden Morgen meine Stirn geküsst, mich jede Nacht gehalten – ohne dass er noch hätte so tun müssen.

Und trotzdem kam er nach Hause.

Warum?

Ich scrollte zur letzten Nachricht, verschickt an diesem Morgen.

Vivienne: „Ich komme nächste Woche zurück nach Chicago. Für immer. Es ist so weit, Dom."

Dominic: „Endlich. Um Sera kümmere ich mich. Sie wird kein Problem sein."

Ich legte das Handy zurück. Genau dorthin, wo ich es gefunden hatte.

Ich weinte nicht.

Etwas in mir – etwas Weiches, etwas Vertrauensvolles, etwas Junges – starb einfach.

Ich hörte seinen Schlüssel in der Tür.

Dominic kam herein, umwerfend und achtlos, nach Whiskey riechend und nach dem Parfum einer anderen. Er sah die Kerzen, das Essen, und lächelte – dieses perfekte, einstudierte Lächeln.

„Alles Gute zum Hochzeitstag, Schatz", sagte er und zog mich an sich. „Tut mir leid, dass es spät geworden ist. Die Vorstandssitzung hat sich hingezogen."

Ich sah zu ihm auf, zu diesem Mann, um den ich meine ganze Welt gebaut hatte, und sah nichts als einen Fremden, der das Gesicht meines Mannes trug.

„Schon gut", flüsterte ich. „Ich habe dein Lieblingsessen gemacht."

Er küsste meine Stirn.

Ich fühlte nichts.

Beim Essen war er charmant. Aufmerksam. Er lobte das Essen, schenkte mir Wein nach, sagte mir, ich sähe wunderschön aus.

Jedes Wort eine Lüge. Das wusste ich jetzt.

Aber ich lächelte. Ich lachte über seine Witze. Ich spielte ein letztes Mal die Rolle der hingebungsvollen Ehefrau.

Denn eines wusste Dominic Ashford nicht über mich.

Eines wusste niemand.

Ich war nicht bloß Sera Whitmore, die unsichtbare jüngere Tochter einer verblassenden Familie.

Ich war die Alleinerbin eines Vermögens, neben dem der Ashford-Trust wie Kleingeld aussah – ein Vermögen, das meine verstorbene Großmutter versteckt und mir in einem versiegelten Testament hinterlassen hatte, das erst an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag verlesen werden würde.

Der war in genau vier Tagen.

Dominic glaubte, ein Niemand geheiratet zu haben.

Er würde bald erfahren, wie sehr er sich geirrt hatte.

Aber zuerst brauchte ich seine Unterschrift.

„Dominic", sagte ich süß und schob ihm eine Mappe über den Tisch. „Mein Anwalt hat ein paar Unterlagen geschickt. Nachlasskram von meiner Großmutter. Langweilig, aber sie brauchen deine Unterschrift als Ehemann. Reine Formsache."

Er warf kaum einen Blick darauf. „Klar, Baby."

Er unterschrieb jede Seite.

Er las kein einziges Wort.

Es waren keine Nachlassdokumente.

Es war ein nachehelicher Vertrag, der bei Aktivierung jedes eheliche Vermögen auf mich übertrug und seine Ansprüche auf sämtliche Whitmore-Beteiligungen annullierte – einschließlich derer, von deren Existenz er noch nichts ahnte.

Ich sah zu, wie er sein eigenes Verderben mit einem Dreihundert-Dollar-Füller unterschrieb, und ich lächelte.

„Danke, Liebling", sagte ich.

Er zwinkerte mir zu. „Alles für mein Mädchen."

Sein Mädchen.

Nicht mehr lange.
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