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Kapitel 1

Als ich nach drei Jahren im Verborgenen in mein eigenes Familienanwesen einbrach, fand ich meine vierjährige Tochter im Weinkeller.

Angekettet.

Ihre aufgesprungenen Lippen berührten eine Hundewasserschüssel, während oben eine ausgelassene Feier tobte.

Ich hörte auf zu atmen.

„Mama?“

Sofias Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Ihre Handgelenke waren unter den Eisenfesseln wund gescheuert, die in der Steinwand verankert waren.

Zwischen den Ketten hing ein Vorhängeschloss, groß wie meine Faust.

Ich fiel vor ihr auf die Knie.

„Ich bin hier, mein Schatz.“

„Mama ist hier.“

Ich riss an der Kette.

Nichts bewegte sich.

„Sie beißt.“

Eine kalte Stimme glitt die Kellertreppe hinunter.

„Wir mussten sie festhalten.“

Ich blickte nach oben.

Auf der Treppe stand Camilla Russo.

Die Geliebte meines Mannes.

Sie trug ein blutrotes Kleid.

Hinter ihr fiel das goldene Licht des Marchetti-Ballsaals in den Keller hinab.

Ich konnte Streichmusik hören.

Lachen.

Das Klirren von Kristallgläsern mächtiger Männer aus der Unterwelt.

„Camilla.“

Meine Stimme war ruhig.

Zu ruhig.

„Warum ist meine Tochter an eine Wand gekettet?“

Sie schwenkte ihr Champagnerglas.

„Deine Tochter?“

Ein spöttisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Du bist drei Jahre verschwunden, Liebling.“

„Dante hat sie großgezogen.“

„Wir erziehen sie so, wie wir es für richtig halten.“

„Erziehen?“

Ich starrte sie an.

„Sie ist vier Jahre alt und du hast sie an eine Wand gekettet!“

„Sie hat Wein über einen Gast verschüttet.“

Camilla zuckte mit einer nackten Schulter.

„Die Ehefrau eines Senators.“

„Kinder müssen lernen, welchen Preis der Name Marchetti hat.“

Dann sah ich es.

Die Spuren.

Kleine, kreisförmige Verbrennungen auf Sofias winzigem Unterarm.

Zigarettenbrandmale.

Bei einem vierjährigen Kind.

„Wer hat das getan?“

Ich zeigte darauf.

Mein ganzer Körper wurde vollkommen still.

Camilla blinzelte nicht einmal.

„Sie wollte nicht aufhören zu weinen.“

„Eine brennende Zigarette wirkt schnell.“

„Sie hat gelernt.“

Sie hat gelernt.

Mein Mann hatte mir erzählt, Camilla sei nur „eine Buchhalterin“ gewesen, bevor ich in den Zeugenschutz gegangen war, um unsere Tochter vor unseren Feinden zu schützen.

Meine Schwiegermutter hatte mich jede Woche angerufen.

Sie hatte mir versichert, Sofia gehe es gut.

Sie sei geliebt.

Sie sei sicher.

„Wo ist Dante?“

Meine Stimme war kalt.

„Oben.“

Camilla lächelte wie eine Klinge.

„Er veranstaltet die Neujahrsgala.“

„Mit mir.“

„Alle Gäste kennen mich inzwischen als Frau Marchetti.“

Sie betrachtete mich von oben bis unten.

„Und ehrlich gesagt?“

„Ich trage diesen Namen viel besser als du.“

Sofia zuckte bei ihrer Stimme zusammen.

Sie machte sich so klein, wie ein menschlicher Körper nur werden konnte.

Diese eine Bewegung—

mein Kind versuchte, vor der Stimme einer Frau zu verschwinden—

zerbrach etwas in mir, das niemals wieder heilen würde.

Ich stand auf.

Langsam.

Ich ging zum Fuß der Treppe.

„Gib mir den Schlüssel, Camilla.“

„Oder was?“

Sie lachte.

„Du bist niemand.“

„Eine weggelaufene Ehefrau ohne Geld.“

„Ohne Namen.“

Ich riss ihr das Champagnerglas aus der Hand.

Und zerschmetterte es an der Steinwand.

Das Geräusch hallte durch den Keller.

Oben verstummte die Musik mitten in der Melodie.

„Den Schlüssel.“

Ich sah sie an.

„Jetzt.“

Ihr Gesicht verzog sich vor Wut.

Sie drehte sich zur Treppe und schrie:

„Dante!“

„Komm runter!“

„Deine verrückte Ex ist zurück und zerstört alles!“

Schritte.

Viele Schritte.

Dann erschien Dante Marchetti oben an der Treppe.

Er trug einen maßgeschneiderten Smoking.

Sein Arm lag um die Taille einer Frau, die mit Diamanten überladen war.

Meine Diamanten.

Er sah mich an, als wäre ich ein Eindringling in meinem eigenen Grab.

„Isabel?“

Seine Stimme war kalt.

„Was machst du hier?“

„Was mache ich in meinem eigenen Zuhause?“

Ich lachte.

Ein gebrochenes, leeres Lachen.

„Unsere Tochter liegt angekettet in deinem Weinkeller, Dante.“

Er sah nicht einmal nach unten.

Er zog Camilla näher an sich.

Und dann sagte er die Worte, die mein Blut gefrieren ließen.

„Du hast aufgehört, ihre Mutter zu sein, an dem Tag, an dem du weggelaufen bist.“

Hinter ihm standen ein Dutzend der gefährlichsten Männer der Stadt und blickten die Treppe hinunter.

Mit erhobenen Gläsern.

Und Camilla, mit meinem Ehering an ihrem Finger, sah mich an und lächelte.

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