Kapitel 1
Zur Luna war ich bestimmt.
Tochter von Alpha Frederick Ward, Erbin des Silbermond-Rudels, für Größe auserkoren.
Vor fünf Jahren hatte man mich mit Victor Reichenbach verheiratet - stärkster Krieger, perfekter Alpha, eine politische Allianz, verpackt in ein Gefährtenschaftsband, das ich mir als Liebe einredete.
„Er wird kommen“, flüsterte ich meinem Spiegelbild zu und richtete das silberne Kleid zurecht, das ich für diesen Abend gekauft hatte.
Heute wurde ich dreißig, und mein Gefährte hatte mir den Mondlicht-Vergnügungspark versprochen.
Mein Telefon summte.
Dringende Rudelangelegenheiten. Bleib zu Hause. Ich mach’s wieder gut.
Die Worte trafen mich wie eiskaltes Wasser.
„So ein Quatsch!“ Marissas Stimme schnitt scharf durch den Lautsprecher. „Ein Alpha, der zu beschäftigt für den Geburtstag seiner Luna ist? Helena, wach endlich auf.“
Meine beste Freundin, ja meine einzige - eine Elite-Anwältin, scharf wie ein Rasiermesser.
„Er würde doch nicht ...“
„Dann such ihn dir. Jetzt auf der Stelle.“
Mit zitternden Händen griff ich nach den Autoschlüsseln.
Das Trainingsgelände war leer, sein Geruch längst verweht.
Wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, steuerte ich auf die Roemheld-Galerie zu, die öffentliche Fassade unseres Rudels.
Durch die raumhohen Fenster sah ich ihn.
Victors Wolftattoo wogte unter dem gedämpften Licht, während er einen kleinen, dunkelhaarigen Jungen auf dem Arm hielt, der lachte.
Die Frau neben ihm ließ mein Blut in den Adern gefrieren.
Penelope Roemheld - die Frau, die mich vor drei Jahren hatte anschwärzen wollen.
Sie feierten. Kuchen, Kerzen und ein Geburtstagsständchen.
Der Junge wandte sein Gesicht dem Fenster zu.
Mein eigenes Gesicht starrte zu mir zurück.
Dieselben Augen, dasselbe Lächeln, dasselbe Grübchen in der linken Wange.
„Nein“, entwich es meinen Lippen.
Milo Roemheld - so stand es auf dem Spruchband.
Heute fünf Jahre alt.
Derselbe Geburtstag wie meiner.
Penelope lehnte sich an Victors Schulter, flüsterte ihm etwas zu, worauf er nickte.
Ich fing Wortfetzen durch die Scheibe auf: „Unterdrücker ... Blutlinientest ... rechtmäßiger Erbe.“
Das Dienstfahrzeug meines Vaters parkte gegenüber, Frederick Wards persönliches Nummernschild glänzte fahl im Schein der Straßenlaterne.
Mir drehte sich alles.
Ich war nicht vom Mond gesegnet.
Ich war ihre bequeme Hülle gewesen, ein rechtlicher Deckmantel für ihren Bastard.
Meinem Telefon entglitten die Finger, der Bildschirm zerschellte auf dem Pflaster.
Drinnen hob Victor Milo auf seine Schultern und gab den perfekten Vater.
Den Vater, der er für mich nie sein wollte.
Weil wir nie Kinder haben sollten.
Ich war nur die Legende gewesen.
Penelopes Blick traf plötzlich den meinen durch die Scheibe, ihr Lächeln breitete sich langsam und giftig aus.
Sie hob ihr Telefon, tippte etwas.
Auf meinem zersprungenen Display leuchtete eine Nachricht von einer unbekannten Nummer auf.
Ein Foto: Victor, Penelope und Milo, die perfekte Kleinfamilie.
Darunter eine Zeile:
Der Alpha sagt, du hast keinen Wolf in dir, Helena. Du bist nur eine gehorsame Hülle.
Meine Knie schlugen auf das kalte Pflaster.
Irgendwo tief in meinem Innern begann etwas, das fünf Jahre geschlafen hatte, ein leises Knurren.
