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Kapitel 1

Die Benachrichtigung auf meinem Handy fraß sich wie Säure in mich ein.

Ich starrte auf das Bild - Giulia Moretti, die Witwe meines toten Schwagers, wie sie schützend ihre Hände um einen runden Bauch legte.

Die Bildunterschrift darunter drehte den Dolch noch weiter: "Vom Benedetti-Blut gesegnet."

Meine Finger zitterten, als ich das auf dem Darknet-Forum gepostete Foto heranzoomte, wo unsere Welt - die Mafiafamilien - ihren lautlosen Krieg durch Geflüster und Skandale führte.

Das kann nicht wahr sein.

Aber der Zeitstempel war von vor einer Stunde, und schon strömten die Kommentare herein.

"Lorenzo Benedetti entehrt das Andenken seines Bruders."

"Das Romano-Bündnis ist beendet."

"Bürgerkrieg in der Benedetti-Familie steht bevor."

Ich presste meine Handfläche gegen meinen eigenen, noch flachen Bauch, der mein eigenes Geheimnis verbarg.

Drei Monate schwanger mit Lorenzos Kind - ein Geheimnis, das ich für unser heutiges Jubiläumsessen aufgespart hatte.

Wie naiv ich gewesen war.

Mein Handy summte, Lorenzos Name blitzte über den Bildschirm.

Ich antwortete mit einem einzigen Zeichen: "?"

"Alessia, es ist nicht, was du denkst!" Seine Stimme platzte aus dem Lautsprecher. "Giulia ist Matteos Witwe! Als sein Blutsbruder bin ich verpflichtet, für sie zu sorgen!"

"Für sie sorgen?" Meine Stimme klang überraschend gefasst. "Nennen sie das jetzt so?"

"Du verstehst den Eid nicht!" Lorenzos Frust knisterte durch die Leitung. "Matteo ließ mich schwören -"

"Gehörte zum Eid, sie schwanger zu machen?"

Schweigen breitete sich zwischen uns aus wie ein Abgrund.

Dann legte er auf.

Natürlich tat er das.

Mein zweites Handy summte - das, mit dem ich die Familienserver überwachte.

Ein weiteres Foto von Giulias Account: Lorenzo in ihrer Wohnungsküche, beim Frühstückmachen, hausbacken und entspannt wirkend.

Der Geotag bestätigte, dass es ihre Privatadresse war - die, von der ich nicht einmal wusste, dass es sie gab.

Wie lange ging das schon so?

Ich öffnete meine verschlüsselten Nachrichten und fand drei verpasste SMS von meiner Mutter.

"Alessia, komm nach Hause. In den Familien wird geredet."

"Dein Vater ist wütend."

"Mach nichts Unüberlegtes."

Aber genau das musste ich jetzt sein.

Ich öffnete meinen Kalender und starrte auf den Termin, den ich rot markiert hatte: "Jubiläumsessen - Schwangerschaft bekanntgeben."

Meine Hand zitterte, als ich ihn löschte und neue Worte eintippte: "Abbruch".

Ich kann kein Kind in dieses Chaos bringen.

Die Tür flog auf, und Lorenzo stürmte herein, eine fettige Takeout-Tüte in der Hand.

"Ich habe Abendessen mitgebracht." Er stellte sie auf die Arbeitsplatte, ohne mir in die Augen zu sehen.

Nicht die Reservierung im Fiore di Luna, die ich vor Wochen gemacht hatte.

Nicht den romantischen Abend, den ich geplant hatte.

Nur billige Pasta in Styropor-Behältern.

"Du hast vergessen", sagte ich leise.

"Was vergessen?" Er war schon wieder am Handy und tippte wie wild.

"Unseren Hochzeitstag."

Lorenzo blickte auf, und für einen Moment - nur einen flüchtigen Moment - zuckte Schuld über sein Gesicht.

"Alessia, es tut mir leid, aber Giulia brauchte mich heute. Sie hatte morgendliche Übelkeit und -"

"Raus."

"Was?"

"Raus. Jetzt." Ich stand auf, meine Stimme eisig. "Nimm dein erbärmliches Takeout und verschwinde."

"Du bist unvernünftig -"

"Ich bin unvernünftig?" Ich lachte, der Klang bitter und scharf. "Die Witwe deines Bruders ist mit deinem Kind schwanger, und ich bin unvernünftig?"

"Es ist kompliziert!" Lorenzo schlug seine Hand auf die Arbeitsplatte. "Die familiären Verpflichtungen -"

"Dann geh und erfülle sie." Ich drehte mich weg, unfähig, sein Gesicht länger anzusehen. "Geh zu deiner Verpflichtung."

"Alessia -"

"Ich sagte, geh!"

Die Tür knallte hinter ihm zu, und endlich war ich allein mit meiner Wut und meiner Trauer und dem winzigen Leben in mir, von dem er niemals erfahren durfte.

Nicht mehr.

Ich griff zu meinem Handy und scrollte zu einer Nummer, die ich nie anzurufen gehofft hatte.

Dr. Carvers Privatklinik - die, die keine Fragen stellt und keine Aufzeichnungen führt.

"Alessia Romano Benedetti hier", sagte ich, als sie abnahm. "Ich brauche einen Termin."

"Wie schnell?"

Ich sah auf das Darknet-Foto, das noch auf meinem Bildschirm glühte - Giulias triumphierendes Lächeln, Lorenzos öffentlicher Verrat.

"Morgen früh."

Als ich auflegte, leuchtete mein Handy mit einer neuen Benachrichtigung von Giulias Account auf.

Ein weiteres Foto.

Dieses Mal trug sie einen Ring - einen Benedetti-Familienring - an ihrer linken Hand.

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