Kapitel 8
Früher, egal wie sehr er mich verletzt hatte, hatte ich immer auf ihn gewartet. Geduldig. Still.
Er hatte sich daran gewöhnt, dass ich ihm folgte wie ein Schatten, der ihn nie verließ.
Alle um ihn herum sagten: „Evie wird Angelo nie verlassen. Ohne ihren Alpha kann sie nicht leben.“
Und er hatte es geglaubt. Fraglos.
Ich zerrte meinen Koffer hinter mir her, wollte nur noch weg.
Da durchbrach Odas sirupsüße Stimme die Stille, triefend vor Siegerarroganz.
„Angelo, da bist du ja!“
Sie lief zu ihm, klammerte sich an seinen Arm, presste sich an ihn, rieb ihren Geruch ungeniert an ihm ab - ein öffentliches Besitzanspruch.
„Ist der Ausschlag abgeheilt?“, säuselte sie.
Angelo strich ihr die Ponyfransen aus der Stirn, musterte sie aufmerksam. In seinem Blick lag diese Zärtlichkeit, mit der man ein seltenes, zerbrechliches Jungtier behütet.
„Viel besser“, sagte sie und lächelte zu ihm empor, das Lächeln wie ein Schleifchen gebunden. „Angelo, sei bitte nicht böse mit Evie, ja?“
Sie schüttelte leicht seinen Arm, während sie sprach, wie ein Kind, das um Verzeihung bettelt.
„Es ist wahrscheinlich sowieso meine Schuld. Ich bin nach der ersten Verwandlung immer noch so schwach. Wenn ich nicht so heftig auf Pappelmondblüten reagieren würde - dabei ist das doch so ein gewöhnliches Kraut - hätten die Ältesten uns nie zum Zimmerwechsel gezwungen.“
„Und dann hätte Evie es auch nicht an mir auslassen müssen...“
„Wie soll das deine Schuld sein?“, sagte Angelo und zog sie noch enger an sich. Sein Blick streifte mich, scharf. Sein Duft ergoss sich in einer beruhigenden, schützenden Welle. „Sie ist diejenige, die kleinlich ist. Wie eine ungezähmte Einzelgängerin.“
Er zog Oda mit sich. „Komm, wir gehen rein. Du bist gerade erst gesund geworden. Du solltest nicht draußen in der Kälte stehen.“
„Gut“, machte sie nur und schmiegte sich an seine Seite.
Ich sah ihnen nach. Wie sie gingen, aneinandergeschmiegt, als wären sie zwei Hälften eines Ganzen.
Mein Herz blieb ruhig. Kalt. Still.
Nicht der kleinste Schlag.
Selbst meine Wölfin wandte sich ab. Sie wollte dieses widerliche Schauspiel nicht mehr sehen.
Nach der Gedenkfeier meiner Mutter kam mein Vater nicht zurück, um mich zu holen.
Und ehe ich mich versah, war Angelos Vollmondnacht da.
Früher hätte ich alles vorbereitet. Kräuter, um die Raserei des Alpha zu dämpfen. Rituale, die den Ansturm der Kraft bändigten.
Ich hätte das prächtigste Wintermondfest ausgerichtet, die Zeremonie bis ins letzte Detail durchkomponiert, ganz in der Tradition der Wölfe.
Diesmal bereitete ich nichts vor.
Und ich würde ihn auch nicht mehr feiern.
Fünf Uhr nachmittags. Ich saß im Auto, auf dem Weg zum Flughafen.
Auf meinem Handy tauchten Nachrichten auf.
Mein Vater.
„Wo bleibst du? Linda, Oda und ich sind schon in der Lodge.“
„Evie, stell dich nicht so an. Angelo wird eines Tages Alpha sein. Wir sind Verbündete.“
„Wenn du nicht kommst, was sollen die Leute denken? Die werden glauben, dass es Streit zwischen euch gibt. So ein Gerede schadet unserem Familienansehen.“
Ich starrte auf den Bildschirm. So absurd, dass ich beinahe lachen musste.
Ich antwortete nicht.
Ich blockierte seine Nummer.
Kurz bevor ich durch die Sicherheitskontrolle ging, leuchtete eine neue Nachricht auf.
Angelo.
„Wo bleibst du? Alle warten. Mein Wolf ist unruhig. Er braucht dich, damit er sich beruhigt.“
Ich lachte leise.
Glaubte er wirklich, ich käme jetzt noch angerannt?
Ich antwortete nicht.
Ich blockierte auch ihn.
Dann ging ich durch das Gate.
Ohne zurückzublicken.
