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Kapitel 1

Als Erstes traf mich der Gestank - Blut, Schweiß und diese tief sitzende Verzweiflung, die sich regelrecht in den Beton gefressen hatte.

Ich stand auf dem Balkon von Black Hollow, eins mit den Schatten, und beobachtete das Treiben da unten auf dem Auktionspodium. Wie ein Raubtier, das seine Beute fixiert.

Meine Schwester Lyra stand da in Ketten auf dieser eisernen Plattform, ihr geschwollener Leib, die Umrisse des ungeborenen Welpen, grell von den Scheinwerfern angestrahlt. Jede Faser in mir schrie danach, einfach da runterzuspringen und die Meute in Stücke zu reißen.

Noch nicht.

„Fünftausend, um rauszufinden, wer der Vater von dem Welpen ist!“, brüllte einer aus dem Vogelweide-Rudel und hämmerte mit der Faust auf den Tisch.

„Siebentausend!“, heulte ein anderer, die Augen schon rot verschleiert von Lyras Omega-Pheromonen.

Es ging ihnen nicht um den Welpen, sondern um seine Blutlinie. Wer ihn bekam, stieg im eigenen Rudel auf - auf dem Rücken meiner Schwester. Für die da unten war sie nur noch Mittel zum Zweck.

Lyras Stimme durchschnitt den Lärm. „Cole! Cole, bitte!“

Ich krallte meine Finger so fest in das Geländer, dass das Metall ächzte.

Cole Vogelweide stand ganz vorne, der Ex-Verlobte meiner Schwester, und neben ihm diese Schlange, Madlen Grasshoff - sie hatte sich bei ihm untergehakt, wie eine Trophäe, die er zur Schau stellte. Er sah Lyra an, als wäre sie Dreck unter seinen Füßen.

„Dieser Bastard in deinem Bauch ist eine dreckige Wette, Lyra“, sagte Cole, und seine Stimme übertönte mühelos das ganze Gejohle. „Du hast in jener Nacht für die halbe Unterwelt deine Beine breit gemacht.“

Madlen kicherte, schrill und gemein. „Die war so besoffen, die wusste wahrscheinlich nicht mal mehr, wer überhaupt mit ihr geschlafen hat.“

Das Gelächter breitete sich aus wie ein Lauffeuer.

Lyra brach in die Knie, schluchzte, die Ketten klirrten.

Ich werde sie alle töten.

Der Gedanke kam kalt und klar, wie der erste Atemzug, nachdem man kurz vorm Ertrinken war.

Aber sie einfach nur schnell zu töten, das wäre eine Gnade, die sie nicht verdient hatten.

„Bluttest-Zeit!“ Mara Quill, die Auktionatorin, ließ eine silberne Nadel durch die Luft blitzen wie ein Dirigent seinen Taktstock. „Finden wir raus, wer der Vater ist!“

Die Menge tobte vor Begeisterung, Jetons und Bargeld flogen über die Tische, die Wetten liefen. Sie machten aus der Schwangerschaft meiner Schwester eine verdammte Zockernummer.

Ich wollte gerade los, jeder Muskel gespannt -

Da fiel der Luftdruck.

Alpha-Pheromone walzten durch den Raum wie eine Flutwelle, und jeder Wolf im Saal erstarrte zur Salzsäule.

Damon Nightgrave betrat den Raum.

Top-Alpha. Der skrupellose Erbe des Nightgrave-Rudels. Und der Mann, dem ich einmal vertraut hatte.

Er ließ seinen kalten, silbergrauen Blick über den Raum schweifen, und für einen einzigen, dummen Augenblick dachte ich, er würde diesem Irrsinn ein Ende setzen.

Dann sprach er, seine Stimme klang wie Raureif auf Stahl.

„RedMoon Net freischalten. Alles live streamen.“

Der Raum explodierte vor wilder Begeisterung.

RedMoon Net - der exklusive Demütigungskanal im Darknet, wo die Reichen dafür zahlten, mit anzusehen, wie Omegas zerstört wurden. Sie wollten meine Schwester nicht nur versteigern. Sie wollten ihre Erniedrigung an jeden einzelnen Jäger in der Stadt übertragen.

Lyras Gesicht wurde weiß wie Kalk.

Ihre Augen suchten durch die Menge hindurch nach mir - verzweifelt, voller Todesangst, flehend.

Ich lächelte.

Nicht sie an. Sondern die da unten.

Denn hinter mir, im Schatten, bezogen Kieran Wolfsbane und meine Schattengarde bereits ihre Positionen.

Und in meiner Tasche schlossen sich meine Finger um die Fernbedienung, die jedes einzelne Signal in dieser verdammten Hölle lahmlegen würde.

„Countdown!“, bellte Silas Crowhurst, der Jagdmeister, die Augen gierig glitzernd.

Zehn.

Die Kameras leuchteten auf, konzentrierten sich auf Lyras tränenüberströmtes Gesicht.

Neun.

Madlen strich sich für die Kamera die Haare zurecht, spielte schon ihre Rolle.

Acht.

Cole ließ die Knöchel knacken, bereit, ihr live die finale Beleidigung ins Gesicht zu schleudern.

Sieben.

Mein Daumen schwebte über dem Knopf.

Sie wollen eine Show? Ich werde ihnen eine Show geben.

Sechs. Fünf. Vier.

Ich drückte zu.

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