Kapitel 2
Die Leibwächter auf der Klippe setzten sich auf Kommando in Bewegung und seilten sich zu meiner Position ab.
Im heulenden Wind sah ich diese schwarz behandschuhten Hände nach meinen Handgelenken greifen.
Der Livestream-Chat war schon am Explodieren:
Zieht die Handschuhe aus! Lasst sie blanken Fels spüren!
Jetzt wird’s interessant!
Ich wette hundert Euro, dass sie in weniger als ’ner Stunde heulend um Gnade bettelt!
Der Schatten des Leibwächters fiel auf mich. Er beugte sich vor und packte ohne Widerrede meine Schutzhandschuhe.
"Lass los!" Instinktiv versuchte ich ihn abzuschütteln, doch an der glitschigen Felswand war jeder Widerstand lächerlich. Im nächsten Moment riss er mir die Kletterhandschuhe gewaltsam ab, samt der dicken Fingerschützer.
Meine bloßen Handflächen wurden sofort von den scharfkantigen Steinen aufgeschnitten. Blut trat aus. Der kalte Wind drang in die Wunden, schmerzhaft wie tausend Nadeln.
Der Livestream-Chat explodierte vollends:
Jetzt wird’s eine echte Extrem-Herausforderung!
Ihre Hände sind ganz aufgeschürft, hahaha!
Ich wette zweihundert, dass sie in ’ner halben Stunde heult und bettelt!
Viktoria schmiegte sich an Timo, strich beiläufig über ihre eigenen Hände. Mit zufriedener Stimme sagte sie: "Timo, das reicht doch. Madleen hat seit ihrer Kindheit nie viel leiden müssen - sie hält wahrscheinlich nicht mal ein paar Minuten durch."
Ich lachte kalt, hob den Kopf und starrte direkt in die Kamera. "Hör auf, unschuldig zu tun. Du hast keine zwanzig Meter geschafft, weil du unsportlich bist. Das liegt an dir selbst. Ich habe dich vor allen Problemen gewarnt und dir abgeraten, aber du wolltest unbedingt. Wer ist da schuld?"
Viktorias Lächeln erstarrte für einen Moment, dann ging es schnell zurück in ihr bemitleidenswertes Gesicht. "Sie verleumdet mich schon wieder. Ich wollte doch auch nicht so schwach sein."
Timos Blick wurde eisig. "Sieht aus, als hättest du noch nichts gelernt."
Er gab dem Leibwächter ein Zeichen. "Geh und setz ein paar lose Haken in die Route vor ihr."
Ich hörte das dünne Kratzen von Metall auf Stein. Scharfe Haken glitzerten kalt im Wind. Sie saßen oberflächlich stabil, würden aber bei Belastung sofort nachgeben - und auf mich warten.
Mit jedem Meter, den ich höher kletterte, konnte mich ein plötzlich versagender Haken mitreißen. Mein Herz zog sich zusammen, als könnte es jeden Moment zerspringen.
Blut rann zwischen meinen Fingern herab, vom Wind zu dunklen Spuren auf dem Fels verwischt.
Die Livestream-Kommentare überschlugen sich:
Gott, das ist zu brutal!
Ich spür den Schmerz schon beim Zuschauen!
Unglaublich, ich ändere meine Wette - sie schafft es hoch. Der Blick von der Frau ist einfach zu entschlossen.
Der Privatarzt oben auf der Klippe konnte nicht länger schweigen. "Chef, das gibt ernste Probleme, wenn das so weitergeht."
Timo blickte nur zu mir hinab, sein Ton beängstigend ruhig. "Ich behalte sie im Auge. Ich bring ihr nur bei, dass man manche Leute einfach nicht verärgern sollte."
Viktoria zupfte sanft an seinem Ärmel. "Das ist doch alles nur Schauspielerei. Sie klettert täglich dutzende Meter Felswand mit ihren Schülern. Hast du nicht gesagt, sie soll mal das Leid nachempfinden, das ich an der Wand durchmachen musste?"
Timo kniff die Augen zusammen, schien durch ihre Worte neu angefacht.
Gerade als die Livestream-Kommentare überkochten, tauchte eine auffällige Nachricht auf dem Bildschirm auf:
Anonymer Nutzer wettet zehn Millionen US-Dollar: Madleen Miller wird die Klippe selbst erklimmen.
