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Ein besiegeltes Schicksal

Der Tag brach langsam über dem Lamenta-Wald an und tauchte den Himmel in violette und goldene Farbtöne. Der Morgennebel hing an den knorrigen Stämmen, dämpfte die Geräusche und machte die Atmosphäre fast unwirklich.

Im noch immer vorhandenen Schatten der Höhle saß Alma und starrte ins Leere. Sie hatte nicht geschlafen. Wie konnte sie das? Seine Zukunft hatte sich gerade ohne sie entschieden, wie immer.

Eine leise Bewegung hinter ihr durchbrach die Stille. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer da war: Sylvara .

Die alte Wölfin, majestätisch trotz des Alters, das ihr silbernes Fell kennzeichnete, näherte sich langsam. Sein hellblauer Blick, erfüllt von unendlicher Weisheit, ruhte auf Alma und in seinen Augen war weder Urteil noch Vorwurf.

Wortlos setzte sich Sylvara neben ihn. Es herrschte Stille, aber es war keine schwere Stille. Es war ein Moment der Schwebe, ein Atemzug vor dem Unvermeidlichen.

Dann ertönte endlich seine Stimme, fest und ruhig.

— Sie haben die Entscheidung des Rates gehört.

Alma antwortete nicht sofort. Seine Krallen kratzten sanft über die Erde und sein Atem war langsam und gleichmäßig.

Sylvara fuhr fort, ihr Blick schweifte in die Ferne, als spräche sie ebenso sehr zu Alma wie zum Wald selbst.

—Das Keibster -Rudel ist das furchterregendste in diesem Wald. Kein Wesen, weder Mensch noch Geschöpf, kann seine Stärke in Frage stellen. Und Sie als Erbin können keine Ausnahme sein.

Alma schloss kurz die Augen.

Das wusste sie. Sie hatte es immer gewusst. Aber etwas in ihr weigerte sich, das zu akzeptieren, was für alle anderen offensichtlich schien.

Sylvara drehte ihren Kopf zu ihr, ihre Stimme war diesmal sanfter.

„Zum Wohle aller müssen Sie Ihre Mission erfolgreich erfüllen.“

Alma sah schließlich zu ihr auf. In seinen Augen leuchtete ein Glitzern, eine Mischung aus Trotz und Unsicherheit.

Sylvara sah ihn lange an, bevor sie leiser hinzufügte:

„Aber was aus Ihnen wird, kann niemand für Sie entscheiden.“

Und bei diesen Worten spürte Alma zum ersten Mal einen Riss in der erdrückenden Gewissheit, die auf ihr lastete.

Sein Schicksal war besiegelt. Doch vielleicht erwartete ihn jenseits des Waldes eine andere Wahrheit.

Sylvara ging langsam und mit bedächtigen Schritten davon, als trüge sie die Last von Jahrhunderten und folgenschweren Entscheidungen auf ihrem Rücken. Ihr silbernes Fell verschwand allmählich im Schatten der Höhle und ließ Alma mit ihrem inneren Aufruhr allein zurück.

Sie konnte sich nicht bewegen.

Eine seltsame Mischung erfüllte sie mit einem Gefühl, das sie noch nie so intensiv erlebt hatte. Die Vorstellung, den Wald zu verlassen, über die Baumwipfel hinauszublicken, sich der menschlichen Welt zu nähern, weckte in ihr eine dumpfe Erregung, eine Neugier, die sie nie hatte ausdrücken können.

Aber genau diese Entscheidung machte ihr Angst.

Es wäre weder eine Reise noch eine Erkundung. Es wäre ein Test. Eine Verpflichtung. Eine Mission, bei der sie nicht beweisen musste, wer sie war, sondern was von ihr erwartet wurde. Und wenn sie scheiterte …

Sie zitterte leicht.

Sein Blick schweifte zum Horizont, wo das Tageslicht versuchte, sich hinter den Bäumen auszubreiten. Sie wollte glauben, dass diese Welt jenseits des Waldes Antworten bereithielt. Aber welche? Und vor allem: zu welchem Preis?

Eine unauffällige Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit.

Sein Vater.

Ramba stand ein paar Meter entfernt, aufrecht und regungslos, und beobachtete ihn wortlos. Sein Gesichtsausdruck war undeutbar, sein Blick von stiller Ernsthaftigkeit erfüllt. Er wusste, wie sie sich fühlte. Er wusste, dass diese Mission nicht einfach ein Test war, sondern eine versteckte Verurteilung.

Einen Moment lang wollte Alma glauben, dass er etwas sagen würde.

Dass er sie beruhigen würde. Dass er ihr endlich sagen würde, was sie wissen wollte.

Aber er hat nichts getan.

Er stand da und sah sie an, ohne zu versuchen, sie zu trösten oder zu warnen.

Und Alma verstand, dass von nun an alles auf ihr ruhte.

Sie stand ihrem Schicksal allein gegenüber.

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