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Kapitel 2

Ich war nicht immer jemand gewesen, den man verstecken musste.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der der Name Sammy Castellano auf drei Kontinenten Türen öffnete. Mein Vater, Dakil Castellano, hatte sich sein Imperium aus dem Nichts geschaffen. Schifffahrt, Technologie, Energie. Irgendwann wurde sein Name in Vorstandsetagen mit einer Ehrfurcht ausgesprochen, die andere Menschen nur Gott entgegenbrachten.

Doch als meine Mutter starb, bekam alles Risse.

Ich war sechzehn. Mein Vater schickte mich zu meiner Tante in eine Kleinstadt. Dort lebte ich unter ihrem Ehenamen als Sam Madden, damit ich vor den Aasgeiern sicher war, die längst über seinem Imperium kreisten. „Wenn du so weit bist“, sagte er damals, „kommst du zurück. Aber meine Welt frisst Menschen bei lebendigem Leib. Und dich lasse ich von ihr nicht fressen.“

Jonathan Asendorf lernte ich mit einundzwanzig kennen, als ich in einem Café in der Nähe der Uni kellnerte. Er war charmant, hartnäckig und reich genug, um Eindruck zu machen. Nur war er nicht reich genug, um echte Macht zu erkennen. Er fragte nie nach meiner Familie. Ich erzählte nichts.

Als er mir einen Antrag machte, glaubte ich, Liebe würde reichen.

Ich hatte mich auf ganzer Linie getäuscht.

Nun saß ich auf dem Rücksitz eines schwarzen Geländewagens, den mein Vater geschickt hatte, und wischte mit zitternden Fingern über mein Handy. Jonathans Umfeld hatte noch lange nicht genug.

Nadinka hatte bereits den nächsten Beitrag auf Instagram veröffentlicht. Ein Foto von sich in Jonathans Küche, mit meiner Schürze umgebunden. Dazu schrieb sie: „Zuhause ist es doch am schönsten. ❤️“

Meine Küche. Meine Schürze. Mein Zuhause.

Die Kommentare darunter waren widerlich.

„Endlich mal jemand mit Stil in diesem Haus!“

„Sam war doch sowieso nur ein Platzhalter, haha.“

„Die Arme dachte wirklich, mit einem Baby könnte sie ihn festnageln!“

Und darunter Nadinkas Antwort auf genau diesen Kommentar: „Manche Frauen wissen einfach nicht, wo ihr Platz ist. Ich wollte wirklich nett sein, aber sie hat es einem ja unmöglich gemacht.“

Ich wollte wirklich nett sein.

Das war dieselbe Frau, die mich letzten Monat um zwei Uhr morgens angerufen hatte. Schluchzend, weil sie sich so „einsam“ fühlte, und mit dieser brüchigen Stimme gefragt hatte, ob Jonathan nicht „nur mal kurz nach ihr sehen“ könne. Dieselbe Frau, die bei Jonathans Firmengala Rotwein auf mein weißes Kleid gekippt und mit großen Augen gesagt hatte: „Ach nein, wie ungeschickt von mir!“, während ihr Blick längst triumphierte.

Dieselbe Frau, die am nächsten Tag mit selbst gebackenen Keksen und feuchten Augen vor unserer Tür gestanden hatte, nachdem ich Jonathan wegen ihrer nächtlichen Nachrichten zur Rede gestellt hatte. „Sam, so etwas würde ich doch nie tun! Jonathan ist für mich wie ein Bruder. Bitte sei nicht so eifersüchtig. Das steht dir wirklich nicht.“

Und Jonathan hatte mich angesehen, als wäre ich das Problem.

Jedes einzelne Mal.

Der Geländewagen hielt auf einem Privatflugplatz. Die Privatmaschine meines Vaters glänzte im Scheinwerferlicht, weiß, elegant, mit dem Castellano-Wappen am Heck.

Mein Handy klingelte.

Jonathan.

Ich nahm ab.

„Sam, wo steckst du? Dein halber Kleiderschrank ist leer.“

„Ich habe es dir gesagt. Ich bin gegangen.“

Am anderen Ende blieb es einen Moment still. Dann lachte er leise, herablassend, als hätte ich ihm gerade etwas vollkommen Lächerliches erzählt. „Ach komm schon. Wo willst du denn wirklich hin? Zu deinem Vater? Das hältst du eine Woche aus, dann kriechst du zurück.“

„Vielleicht.“

„Hör zu, ich lasse dir morgen deine Sachen in die Wohnung in der Innenstadt bringen. Nadinka will das Schlafzimmer neu machen, also...“

„Sie kann es haben.“

„...und das Kinderzimmer. Sie findet, als Yogazimmer wäre es sinnvoller.“

Für einen Augenblick wurde es um mich herum ganz still.

„Sie macht aus dem Kinderzimmer unseres Babys ein Yogazimmer?“

„Das Baby wird doch sowieso nicht auf dem Anwesen wohnen, Sam. Bleib mal realistisch.“

Meine Finger schlossen sich so fest um das Handy, dass die Hülle knackte.

„Jonathan, wenn das hier vorbei ist, wirst du dich an genau dieses Gespräch erinnern. Und du wirst dir wünschen, du wärst ein anderer Mann gewesen.“

Ich legte auf, bevor er etwas erwidern konnte, stieg die Treppe zur Maschine hinauf und sah mich nicht noch einmal um.

In gut neuntausend Metern Höhe legte ich eine Hand auf meinen Bauch und flüsterte: „Keine Sorge, mein Kleines. Mama lässt sich nicht länger unsichtbar machen.“

Ein letztes Mal vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Nadinka: „Sei nicht böse, Sam! Irgendwann findest du sicher jemanden auf deinem Niveau.“

Ich machte ein Bildschirmfoto, speicherte es und lächelte.

Ach, Nadinka. Du hattest keine Ahnung, was mein Niveau wirklich war.

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