Kapitel 1
Kaum ist das Begräbnis vorbei, erklärt mein Mann Isaak vor laufenden Kameras, er müsse sich nun um seine schwangere Schwägerin Daisy kümmern. Am nächsten Tag zieht sie bei uns ein.
Ihre berechnete Zerbrechlichkeit - das nächtliche Herzstolpern, die Bitte, er möge sie in den Schlaf singen - und er? Er fällt darauf herein.
Vor fünf Jahren gab ich alles für ihn auf, den Rock-„Bad Boy“, und wurde seine Managerin. Jetzt sehe ich: In seinen Augen verdient sie mehr Schutz als ich.
Als sie dann auch noch meine verstorbene Mutter Kette zerstört - und er sie dafür schützt - weiß ich: Die letzte Grenze ist überschritten. Ich bin Amelia Wallis. Und diesmal werde ich das Feuer, das er gelegt hat, nicht löschen. Ich werde es entfachen.
*****
Kaum war das Begräbnis meines Schwagers zu Ende, wurde Isaak von Reportern umringt.
Er nahm die Sonnenbrille ab, seine Stimme war belegt und kontrolliert:
„Mein Bruder ist tot. Seine Frau erwartet ein Kind und braucht Beistand. Als Familie muss ich da sein.“
Es blitzte ununterbrochen. Die Schlagzeilen von morgen standen mir schon vor Augen:
„Des Rockers zarte Seite?“
„Familienpflicht oder verbotene Liebe?“
Ich bin Amelia Wallis. Nicht nur seine Ehefrau - jahrelang war ich seine Pressefrau.
Jeden Skandal - Backstage-Pringeleien, Betrunken-am-Steuer-Gerüchte, peinliche Fotos mit Supermodels - ich habe jedes dieser Feuer gelöscht.
Doch diesmal legte er einen Brand, den ich nicht mehr eindämmen konnte.
Am Tag nach der Beerdigung zog Daisy ein.
Die erste Woche hielt sie sich still. In der zweiten war sie plötzlich überall.
—Sie brachte ihm Vitamin-Drinks: „Die Tour zehrt an dir. Du musst bei Kräften bleiben.“
—Beim Abendessen hustete sie leise und bat ihn, von seinen Bühnenabenteuern zu erzählen.
—Spätnachts klagte sie über Herzstolpern und bestand darauf, dass er zu ihr kam. Sie könne nur einschlafen, wenn er ihr etwas vorsumme.
Ich kenne diese Spielchen.
Ich bin eine Top-PR-Managerin. Ich weiß genau, wie man sich in Szene setzt.
Ihre ganze Zerbrechlichkeit, diese Abhängigkeit - alles ist kalkuliert.
Und Isaak -
Er schluckte den Köder.
Er riet ihr sanft: „Versuch es mal, auf der Seite zu liegen. Das ist bequemer.“
Er strich ihr sogar eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
In diesem Moment zog sich mein Herz zusammen wie in einer Schraubzwinge.
Vor fünf Jahren gab ich meinen Sitz im Familienvorstand auf, heiratete den „Bad Boy“ der Rockszene und wurde seine Managerin.
Ich dachte, ich wäre die Ausnahme.
Jetzt verstehe ich - in seinen Augen verdient eine schwangere Schwägerin mehr Schutz als ich.
Spät in jener Nacht rief ich vom Arbeitszimmer aus meinen Vater an.
„Papa. Ich will die Scheidung.“
„Amelia, was ist geschehen?“ Die Stimme meines Vaters, eines Multimillionärs, klang besorgt.
Ich erzählte ihm alles.
Wie ich aus dem Schlafzimmer verdrängt wurde, von den nächtlichen Studiosessions, von Isaaks zärtlichem „Das ist bequemer“...
Jedes einzelne dieser Worte schnitt mir ins Herz.
Fünf Jahre Ehe, in denen ich mein Bestes gegeben hatte, die perfekte Frau zu sein.
Ich war an seiner Seite geblieben, von stinkenden Kellerklubs bis zu den ausverkauften Stadien dieser Welt.
Ich hatte unzählige negative Schlagzeilen glattgebügelt, sein Image vom „skrupellosen Wüstling“ in „rockige Urwüchsigkeit“ verwandelt.
Ich lernte, still zu sein, den Kopf einzuziehen, ließ alle meine Schärfe hinter den Kulissen.
Und was bekam ich dafür? Überhören und Übersehen.
Seine ganze Geduld, seine ganze Zärtlichkeit schenkte er einer anderen.
Als ich geendet hatte, wurde die Stimme meines Vaters eiskalt. „Amelia, ich stehe hinter dir. Die Tourfinanzierung der Neuheuser Band? Läuft über Wallis-Gelder. Ich kann sie jederzeit stoppen. Triff die Entscheidung, die du für richtig hältst.“
Ich legte auf. Eine nie gekannte Ruhe überkam mich.
Vielleicht, weil ich so lange enttäuscht worden war, war ich auf das Ende längst vorbereitet.
Ich betrachtete mein abgehärmtes Spiegelbild.
All die Jahre hatte ich mich in dieser Ehe vergraben und fast vergessen, wer ich einst war.
Aber das änderte sich jetzt.
In dieser Nacht schlief ich im Arbeitszimmer.
Am nächsten Morgen betrat ich die Küche.
Daisy war schon da.
Sie trug Isaaks Bühnenjacke.
Diese rote Lederjacke mit der Tour-Stickerei - mein Entwurf, mein Geschenk an ihn.
Bei jeder Zugabe trug er sie auf der Bühne, begleitet von tosendem Applaus.
Jetzt schlotterte sie um ihre schmale Gestalt, konnte den runden Bauch nicht verbergen.
Sie summte Isaaks Erkennungsmelodie und kochte nebenbei Kaffee.
Als sie mich sah, lächelte sie harmlos.
„Guten Morgen, Amelia. Hast du schlecht geschlafen? Man erzählte mir, du hast die Nacht im Arbeitszimmer verbracht.“
Ich starrte auf die Jacke, ein dumpfer Schmerz pochte hinter meinem Brustbein.
Meine Stimme klang kalt und undurchdringlich. „Zieh sie aus.“
Ihr Lächeln erstarrte, ihre Augen flackerten.
„Was meinst du damit?“
„Ich sagte, zieh die Jacke aus.“
Mein Ton ließ keinen Widerspruch zu, jener Ton, mit dem ich in Besprechungen Verträge platzen ließ.
