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Kapitel 6

In jener Nacht kam Stephan nicht nach Hause.

Ich erhielt eine Sprachnachricht von Tamara Franck.

Sie war so rücksichtsvoll, daran zu denken, dass ich keine Texte lesen konnte.

Ihre Stimme klang schwach vom Weinen, doch sie troff vor versteckter Genugtuung:

„Schwägerin, es tut mir leid, dass ich Stephan wieder Sorgen bereitet habe. Er macht sich einfach zu viele Gedanken um mich. Aber keine Sorge, er ist gerade eingeschlafen, hier direkt neben mir ... Ich passe schon auf ihn auf.“

Dann folgten weitere lange Sprachnachrichten, eine nach der anderen spielte automatisch ab.

Da war Stephan, der die weinende Tamara im Arm hielt und sie in ihrem Wohnzimmer sanft tröstete.

Da waren die unmissverständlichen Geräusche von sich wälzenden Körpern, vermischt mit weiblichem Stöhnen.

Da war Stephan, der an Tamaras Bettrand saß und sie geduldig in den Schlaf summte.

Ich hörte mir eine Nachricht nach der anderen an, doch mein Herz blieb bemerkenswert ruhig.

Nichts tut mehr weh, wenn das Herz bereits erstarrt ist.

Ich wies die Haushälterin an, meine restlichen Sachen zu packen.

Am Tag meiner Abreise fiel feiner Nieselregen. Die Haushälterin hielt den Schirm und begleitete mich zum Flughafen.

Als das Auto losfuhr, war Stephan immer noch nicht aufgetaucht.

In der VIP-Lounge des Flughafens liefen die Nachrichten auf dem Bildschirm.

„Der Medizingipfel in der Schweiz hat heute seine Preise verliehen! Unsere nationale Delegation gewinnt den Doppelpreis für Nachwuchsmediziner!“

Es folgte ein Interview mit Stephan Ramberg:

„Ich danke meiner treuen Partnerin Tamara Franck, die immer an meiner Seite stand. Gleich und gleich gesellt sich gern - und findet am Ende zueinander!“

Die WhatsApp-Gruppe des Krankenhauses wurde in diesem Moment plötzlich lebhaft, eine Sprachnachricht nach der anderen prasselte herein.

„Herzlichen Glückwunsch an unseren stellvertretenden Chefarzt Stephan Ramberg und an Frau Dr. Tamara Franck zur Verleihung des Doppelpreises! Ein Traumpaar, das gemeinsam die Karriereleiter erklimmt!“

„Ihr zwei seid einfach perfekt füreinander!“

Inmitten der Glückwünsche war ich wie eine völlig bedeutungslose Randfigur.

Alle ignorierten stillschweigend mich - den fast eingetrockneten Fleck in seiner makellosen Karrierebilanz.

Das Handy vibrierte erneut. Sein verspäteter Anruf kam durch.

„Wo bist du?“ Seine Stimme trug eine kaum verhohlene Unruhe. „Die Haushälterin sagt, du wärst nicht da?“

„Stephan Ramberg“, sagte ich ins Telefon, meine Stimme so gefasst, als spräche ich über das Wetter, „ich bin am Flughafen.“

„Am Flughafen? Wohin willst du denn? Was soll dieser Unsinn! Komm sofort zurück!“, befahl er.

„Zurückkommen?“ Ich lachte leise. „Dafür ist es zu spät. Stephan, ich dachte einst, wir wären das Licht füreinander. Bis ich erkannte, dass die tiefste Dunkelheit meines Lebens von dir ausging.“

„Was soll das heißen? Anneli, red Klartext!“

„Es heißt, dass ich deine Fürsorge nicht mehr brauche und mir auch nichts mehr aus deiner mit Mitleid und Pflichtgefühl gestreckten Liebe mache. Deine Kollegin Tamara wollte doch immer den Platz als Frau Ramberg, oder? Ich räume ihn ihr.“

Am anderen Ende war sein schweres Atmen zu hören. „Warum reitest du immer noch darauf herum? Ich habe es doch erklärt! Tamara ist nur etwas naiv und hängt halt an mir.“

Wieder Tamara Franck.

Ich hörte mir seine weiteren Erklärungen nicht mehr an, legte kurz und bündig auf und blockierte dann seine Nummer.

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