Das Erwachen des Zweifels
Alma rannte keuchend, ihr Herzschlag pochte wie eine Kriegstrommel in ihrer Brust. Der feuchte Waldboden knirschte unter ihren schnellen Pfoten, die Nachtbrise streichelte ihr silbernes Fell, als sie sich vom Rudel, von Kaelen und von allem, was sie je gekannt hatte, entfernte.
Sie wusste nicht, wohin sie ging, nur, dass sie fliehen musste.
Als sie einen Felsvorsprung erreichte, von dem aus man das dichte Blätterdach überblicken konnte, zog sie sich mit einem geschickten Sprung hoch und ließ sich auf den kalten Stein fallen. Ihr Atem beruhigte sich allmählich, als sie den Wald unter sich betrachtete, ein Ozean aus Schatten und Geheimnissen, der sich so weit das Auge reichte erstreckte.
Die Gipfel schwankten im Wind und zitterten wie ein lebendiges Wesen, und Alma spürte, wie eine seltsame Nostalgie sie überkam. Wie oft war sie durch diesen Wald gegangen und hatte gedacht, sie gehöre dorthin, ihr Schicksal sei besiegelt?
Doch nun kamen ihr Zweifel.
Sie blickte zum Horizont hinauf. Was fand man jenseits der Bäume, jenseits der Grenzen des Rudels ? Lebten die Menschen in einer so grausamen Welt wie der der Keibsters , oder gab es Länder, in denen die Freiheit nicht durch Gewalt und Blutvergießen erkämpft wurde?
Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
Zum ersten Mal nahm ein Gedanke Gestalt an, noch zerbrechlich, aber unbestreitbar.
Was wäre, wenn sie beschließen würde, für immer zu gehen?
Was, wenn seine Zukunft nicht hier liegt, sondern irgendwo da draußen, wo der Mond nicht sein Schicksal bestimmt?
Ihre blassen Augen leuchteten einen Moment lang unter der astralen Reflexion.
Doch während sie in Gedanken versunken war, ließ ein leises Geräusch hinter ihr sie erstarren. Ein verstohlener Schritt, ein kaum wahrnehmbarer Atemzug.
Jemand war ihr gefolgt.
Die Nachtbrise war aufgekommen, aufgeregt, als trüge sie das Echo von Almas Zweifeln in sich. Sie kauerte auf dem Felsen, keuchte und suchte die Dunkelheit ab, bereit, sich notfalls zu verteidigen.
— Wer ist da? rief sie, ihre Stimme fester, als sie sich tatsächlich anfühlte.
Stille. Dann eine fließende Bewegung im Schatten.
Sein Vater.
Seine massige Gestalt tauchte langsam aus der Dunkelheit auf und näherte sich mit natürlicher Haltung, eingehüllt in eine kalte Ruhe, die im Kontrast zu der Wut stand, die in seinen goldenen Augen brannte. Er war ihr nicht hinterhergeeilt, das war auch nicht nötig gewesen, er wusste, dass sie irgendwann stehen bleiben würde, allein mit ihren Gedanken.
Ohne zu warten, gesellte er sich zu ihr auf den Felsen. Der Wind hob Strähnen ihres Fells und Alma spürte die Spannung zwischen ihnen, schwer, erstickend.
„Sie sind mein Erbe“, sagte er scharf. Sie haben kein Recht zu scheitern.
Alma schluckte schwer. Sie hatte diesen Satz schon so oft gehört, dass sie nicht mehr wusste, ob er wirklich zu ihr gehörte oder nur zu dieser Rolle, die man ihr aufzwingen wollte.
Aber sie wusste auch, dass eine andere Frage sie verfolgte, eine Frage, die sie hundertmal gestellt hatte und die immer unbeantwortet geblieben war.
Sie holte tief Luft, bevor sie flüsterte, ihr Blick war auf seinen gerichtet.
—Wer war meine Mutter?
Die Stille zog sich in die Länge, und diesmal sah sie ein Zögern. Nur der Bruchteil einer Sekunde, aber genug, um noch größere Zweifel in ihm zu wecken.
Sein Vater schaute weg.
Er wusste nicht, was er antworten sollte.
Dort, auf diesem Felsen, in diesem eisigen Moment zwischen Wahrheit und Lüge, verstand Alma, dass dieses Geheimnis viel größer war als alles, was sie sich vorgestellt hatte. Und vielleicht wäre er der Schlüssel zu allem, was sie zu verstehen versuchte.
Die Spannung stieg steil an, wie eine Welle, die jeden Moment gegen die Felsen bricht.
Alma wollte diese Antwort dieses Mal nicht auf sich beruhen lassen, zu vage, zu kalt. Ihre Muskeln spannten sich an und sie stellte die Frage noch einmal. Ihr Blick brannte vor einem Fieber, das sie nicht länger unterdrücken konnte.
—Wer war meine Mutter?
Ihr Vater starrte sie einen Moment lang an und sie glaubte, ein Schimmern in seinen Augen zu sehen, etwas Vergrabenes, Unterdrücktes. Doch im Bruchteil einer Sekunde verhärtete sich sein Gesichtsausdruck.
„Das spielt keine Rolle“, sagte er mit unerbittlicher Entschlossenheit. Du bist mein Erbe. Sie können es sich nicht leisten, sich in unnötigen Fragen zu verlieren.
Die Worte trafen Alma wie ein Schlag ins Herz.
Er, nur er kannte die Wahrheit. Sie wusste es, sie fühlte es. Aber er weigerte sich, ihr zu antworten, als müsse seine Vergangenheit unter erzwungenem Schweigen begraben bleiben. Als hätte sie kein Recht zu wissen, wer sie wirklich war.
In ihr explodierte unkontrollierbare Wut.
Sie schrie, ein wütender, herzzerreißender Schrei, ein Sturm der Frustration und Hilflosigkeit.
Sein Vater gab nicht nach.
Stattdessen wurde sein eigenes Heulen lauter, hallte durch den Wald und überragte ihres mit einer rohen, unbestreitbaren Autorität.
Seine Stimme erfüllte den Raum, breitete sich in der Nacht aus und vermittelte seinen Respekt, seine Macht, seine Unnachgiebigkeit.
Die Blätter erzitterten unter der Wucht ihrer Wut und Alma spürte, wie ihr Herz unter der Last dieser unerbittlichen Kraft zerbrach.
Ihr Vater erinnerte sie daran, dass sie keine Wahl hatte.
Doch als das Echo ihres Schreis in der Dunkelheit verklang, wusste Alma tief in ihrem Inneren, dass sie nicht aufgeben würde.
Sie würde die Wahrheit herausfinden. Koste es, was es wolle.
Alma kehrte mit ihrem Vater in die Höhle zurück, die Last des Schweigens zwischen ihnen war schwerer als je zuvor. Die Bäume schienen sich um sie geschlossen zu haben, wie ein unsichtbares Gefängnis, das sie an ihren Status erinnerte, an ihr Schicksal, das ohne ihre Zustimmung festgelegt worden war.
Unter den wachsamen Blicken des Rudels wurde ihr jeder Schritt zur Last. Prüfende Augen ruhten auf seiner Gestalt, manche voller Fragen, andere voller Urteil. Sie hatten seine Rebellion gespürt, auch wenn sie nicht in Worte gefasst worden war.
Kaelen , der auf einem Felsvorsprung thront, beobachtete seine Rückkehr mit kaltem und durchdringendem Blick. Er wusste, dass sie gezögert hatte, dass sie diese Menschen beschützen wollte.
Ihr Vater ging imposant und unerschütterlich vor ihr her. Er sagte nichts zum Rudel, als wolle er nicht auf dieses Fehlverhalten aufmerksam machen. Aber Alma wusste, dass sie der Strafe nicht entgangen war.
Es herrschte Stille, als der Kopfjäger mit ernster Miene auf seinen Vater zuging.
— Die Jagd wurde gestört. Das darf nicht noch einmal passieren.
Sein Vater nickte wortlos und ging weiter.
Alma ihrerseits senkte für einen Moment den Blick.
Sein Platz war hier. Zumindest erwarteten sie das von ihr.
Doch tief in ihrem Inneren spürte sie, dass ihre Welt zusammenbrach.
Sie musste es verstehen. Sie hätte es wissen müssen.
Und sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie die Rudelregeln erneut brach.
